Mehr als drei Jahre sitzt Manfred Hildebrandt bereits im Gefängnis. Da wird er Anfang Oktober 1963 unerwartet aufgefordert, seine Sachen zu packen. Vom sächsischen Zuchthaus in Torgau geht es nach Berlin ins Stasi-Gefängnis Magdalenenstraße. Noch im März 1960 wegen Spionage verurteilt, lernt Hildebrandt die Mitarbeiter der gefürchteten Staatssicherheit nun von einer ungewohnt zuvorkommenden Seite kennen. Statt einer kargen Zelle bekommt er ein Zimmer mit richtigem Bett, Sessel, Nierentisch und Stehlampe. Er wird freundlich gefragt, ob er etwas Warmes oder Kaltes zum Abendessen wünscht. Und auch ein Friseurbesuch steht plötzlich auf dem Programm. "Die Stasi war arg freundlich zu mir", erinnert sich der heute 76-Jährige. "Diese Höflichkeit war mir suspekt."

Denn warum sich sein Haftalltag so schlagartig ändert, das sagt ihm niemand. "Ich wusste gar nichts", erzählt der Mann mit dem kurzen hellgrauen Haar. Gleichwohl habe er etwas geahnt, räumt er ein. Spätestens als ein Stasi-Offizier mit ihm neue Kleidung einkaufen geht und ihn auffordert, sein letztes Geld in zwei Flaschen Krimsekt zu investieren, wird die Ahnung allmählich zur Gewissheit. "Wer erwartet Sie denn heute Abend drüben?", fragt der Stasi-Offizier ihn während ihres Einkaufsspaziergangs unvermittelt. Es ist das erste Mal, dass der damals 25-Jährige einen Hinweis auf seine unmittelbar bevorstehende Ausreise aus der DDR erhält.

Was Hildebrandt nicht weiß: Er ist einer der Allerersten von insgesamt 33 755 politischen Häftlingen, die Bonn zwischen 1963 und 1989 freikaufen wird. So schreibt es der Journalist Norbert F. Pötzl in seinem neuen Buch über den Ost-Berliner Rechtsanwalt und Unterhändler des SED-Regimes, Wolfgang Vogel. "Hildebrandt gehörte zu den ersten acht, die von Vogel freigekauft wurden", sagt Pötzl, der Vogel lange kannte und nach dessen Tod im Jahr 2008 Zugang zu seinem Privatarchiv erhielt.

Am 22. Oktober 1963 wird Hildebrandt seinem Anwalt übergeben, der ihn zum Bahnhof Friedrichstraße fährt. Vogel vertraut ihn seinem West-Berliner Kollegen Jürgen Stange an, mit dem Hildebrandt die Fahrt in die Freiheit antreten soll. Doch bevor es losgeht, habe Stange ihn gebeten, am Gleis auf ihn zu warten. "Sie bleiben hier sitzen, ich muss noch etwas erledigen", habe der Anwalt zu ihm gesagt und sei verschwunden, erinnert sich Hildebrandt. Wie er später erfährt, holt der Anwalt noch eine mit Bargeld gefüllte Aktentasche und gibt sie den Stasi-Leuten. 15 000 D-Mark erhält die DDR damals für Hildebrandt, hat Pötzl in Stasi-Unterlagen recherchiert. Für andere Häftlinge wird deutlich mehr bezahlt. Später wird Bonn Waren statt Bargeld für die Häftlinge liefern.

Hildebrandt selbst wird aufgefordert, sich nicht öffentlich über seine Ausreise in den Westen zu äußern. Die neue Form der Annäherung soll nicht bekannt werden. Dabei hatte der junge Mann nie daran gedacht, der DDR den Rücken zu kehren. "Ich wollte meine Mutter und ihre Eltern nicht zurücklassen." Doch als der Student der Dresdner Fachschule für Binnenhandel im Mai 1959 festgenommen und nicht nur sein Zimmer, sondern auch die Wohnung seiner Mutter durchsucht wird, entschließt diese sich während eines Aufenthalts in West-Berlin kurzerhand dortzubleiben. Sie sucht nach anwaltlichem Beistand für ihren Sohn und stößt bald auf Wolfgang Vogel, der sich des Falles annimmt.

Hildebrandt wird sein Kontakt zum Ost-Berliner Büro der SPD zur Last, für die Stasi eine Art "Agentenzentrale", wie er rückblickend sagt. Von dort besorgt sich der junge Mann Bücher und Zeitungen, an die er im Osten nicht kommt. "Ich wollte lesen, was mir gefällt, und mir nichts vorschreiben lassen", sagt er. Bewusst in Opposition gegen den Staat habe er damit aber nicht gehen wollen, sagt der 76-Jährige.

Nach seinem Austausch bleibt er in West-Berlin, wo er bis heute lebt. Er absolviert die Polizeischule und arbeitet bis zu seiner Pensionierung als Kriminalbeamter. Jüngere Menschen müssen sich seiner Meinung nach mit diesem Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte auseinandersetzen. Für Hildebrandt steht fest: "Die DDR war ein Unrechtsstaat."