Da waren wir mal Papst. Heute um 20 Uhr endet das Pontifikat von Benedikt XVI., dem Polizistensohn aus Marktl am Inn, dessen Wahl vor acht Jahren selbst in den Zügen der Deutschen Bahn über den Bordlautsprecher verkündet wurde. Eine Zeit, in der der Papst aus Bayern die Menschen polarisierte wie kaum ein anderer Zeitgenosse.

Da war der Jubel, da war die kollektive Papstbegeisterung bei den drei Deutschlandbesuchen Benedikts. Da waren die millionenfach verkauften Jesus-Bücher: Theologische Grundlagenwerke, allgemeinverständlich geschrieben, mit denen Benedikt XVI. Pflöcke gegen die Gottvergessenheit in den geistesgeschichtlichen Boden des 21. Jahrhunderts schlug.

Da war der Aufruf an seine Kirche, zurückzufinden in die Welt des Glaubens: Von "Entweltlichung" sprach Benedikt XVI. am Ende seines letzten Deutschlandbesuchs in Freiburg, und ein Jahr des Glaubens rief er für 2013 aus. Da waren die Sozialenzykliken über Hoffnung und Nächstenliebe, nachlesenswerte Texte, die die Liebe als Zentrum des christlichen Glaubens definierten.

Und da war eines der Lebensthemen des deutschen Papstes: Das Zusammenspiel von Glaube und Vernunft - Benedikt zeigte der Welt, wie ein Intellektueller gläubig sein konnte.

Da waren aber auch die enttäuschten Erwartungen. Die Fragen aus seinem Heimatland: Hätte ein deutscher Papst nicht viel stärker die spezifisch deutschen Probleme angehen können? Die Ökumene mit den Protestanten ist unter Benedikt XVI. keinen Schritt vorangekommen, der Besuch im Erfurter Augustinerkloster, in der alten Wirkungsstätte Martin Luthers, blieb am Ende ein Symbol.

Die Situation der wiederverheirateten Geschiedenen, die in ihrer Kirche nicht zum Sakrament der Eucharistie zugelassen werden, hat Benedikt nicht verbessert. Viele, nicht zuletzt der damalige Bundespräsident Christian Wulff, baten ihn darum - vergebens.

Und da waren die Dinge, die dem Papst aus Deutschland zumindest klar misslungen sind. Benedikts aufrichtiges Bemühen, Kirchenspaltungen zu überwinden, hat am Ende kein Problem gelöst, aber viele neu geschaffen. Das gilt vor allem für den Umgang mit den reaktionären Piusbrüdern, die sich aus Ärger über das Zweite Vatikanische Konzil von der katholischen Kirche abwandten. Für einen Papst, der seine ersten Schritte auf der Bühne der Weltkirche beim Konzil machte und dessen Ergebnisse nie als Bruch, sondern immer als Fortsetzung der kirchlichen Tradition sah, muss das eine Anfechtung gewesen sein. Aus lauteren Gründen wollte der Papst die Konservativen in die Kirche zurückholen - doch ein "gut gemeint" ist eben lange noch kein "gut". Der Umgang mit dem Holocaust-Leugner Richard Williamson, die lateinische Karfreitags-Fürbitte für die Bekehrung der Juden, die Einrichtung spezieller Strukturen für anglikanische Christen, die in die katholische Kirche übertreten wollen - die Liste der Dinge, die Benedikt um der Einheit der Kirche willen gut meinte, dann aber schlecht umsetzte, ist lang.

Der Gelehrte auf dem Stuhl Petri hatte die Dinge intellektuell durchdacht und stolperte dann über das wahre Leben. Das gilt auch für den Umgang mit der Kurie, die er nie wirklich in den Griff bekam. Und für die Politik der Postmoderne, die so weit weg ist von den traditionellen katholischen Werten, auf die er sich beruft.

Am Ende wird es deswegen der Rücktritt sein, durch den Benedikt XVI. der Nachwelt am meisten in Erinnerung bleiben wird. Der unerhörte, seit Jahrhunderten nicht praktizierte und von vielen Katholiken bis heute nicht verstandene Schritt, das Amt schon lange vor dem Tod niederzulegen, kann die größte Reform der katholischen Kirche seit Menschengedenken sein. Denn Benedikt vermittelt: Ämter sind irdisch. Er macht es seinen Nachfolgern möglich, es ihm nachzutun. Er gleicht das Papstamt stärker den Bischofsämtern an - denen seiner eigenen Kirche, aber auch den zeitlich begrenzten Ämtern des Protestantismus. Das Papstamt ist nicht mehr ein Amt auf Ewigkeit.

Mag er als Papst in manchem gescheitert sein: Der 28. Februar 2013 sichert Benedikt seinen Platz in den Geschichtsbüchern - und für die katholische Kirche kann er zum Start in ein neues Zeitalter werden.