"Ich bin froh, diese Chance bekommen zu haben."
 Brigitte Klotz


„Damit habe ich nicht gerechnet“ , sagt Brigitte Klotz und wischt sich die Augenwinkel trocken. Gerade hat sie die Ehrenmedaille des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Brandenburg verliehen bekommen. Sie habe halt nah am Wasser gebaut, sagt die scheidende Präsidentin der FHL. Dort ist die 53-Jährige eher als durchsetzungsfähige Managerin bekannt. Eine, die weiß, was sie will. Eine die, wenn auch zögernd, zugibt, ehrgeizig zu sein.
Als Brigitte Klotz 1999 aus Potsdam in die Lausitz kam, war das ein Stück Heimkehr. In Altdöbern wurde sie geboren, in Großräschen wuchs sie auf. In Cottbus machte sie ihre erste Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin. Das, sagt Brigitte Klotz, sei ihr einziger gradliniger Berufseinstieg gewesen. „Später war ich immer Quereinsteigerin.“
Mit ihrem Mann, auch einem Lausitzer, ging sie nach Potsdam, bekam zwei Kinder. Eine Allergie zwang sie zum Berufswechsel. Mit zwei kleinen Kindern schaffte sie ein Jura-Fernstudium an der Außenstelle der Berliner Humboldt-Universität in Potsdam-Babelsberg. Bis 16 Uhr Job, bis 20 Uhr Familie, bis Mitternacht Studium, so sei ihr Tagesablauf damals gewesen. „Ich kann heute noch bis in die tiefe Nacht hinein gut arbeiten“ , sagt Brigitte Klotz.
Ihre Diplomarbeit schrieb sie noch zu DDR-Zeiten im Fach Staatsrecht über Artikel 20, Absatz vier des Grundgesetzes der Bundesrepublik, das Recht auf Widerstand. Die Literatur dazu durfte sie nur in einer „Giftkammer“ lesen. Die danach angebotene Promotion brach sie nach wenigen Monaten ab: „Ich habe gemerkt, dass das nicht mein Ding war.“
Das Unwohlsein beim Literaturstudium hinter streng verschlossenen Türen und aufkommende Zweifel an den DDR-Verhältnissen vermischten sich bei dieser Entscheidung. Nach der Wende wickelte Brigitte Klotz die Außenstelle der Humboldt-Uni in Potsdam, an der sie studiert hatte, als stellvertretende Personalchefin mit ab. Danach landete sie im Brandenburger Wissenschaftsministerium. Als Referentin war sie für die FHL und die Fachhochschule in Wildau zuständig. „Die Leute aus der Lausitz habe ich am Telefon immer gleich an der Sprache erkannt“ , erinnert sie sich. 1999 wurde sie dann in ihre alte Heimat geschickt. Zunächst als Kanzlerin der FHL und eigentlich nur für sechs Monate. Daraus wurden sieben Jahre.
Erste Anfragen im Jahr 2000, ob sie nicht für den Präsidentenstuhl kandidieren wolle, habe sie abgewehrt, versichert Brigitte Klotz. „Ich habe auch abgelehnt, weil ich keinen akademischen Titel habe und dachte, das wird nicht akzeptiert.“ Von verschiedenen Seiten sei sie dann aber ermutigt und überzeugt worden. Am ersten Januar 2001 übernahm sie die Führung der Lausitzer Fachhochschule mit Standorten in Senftenberg und Cottbus.
Es begann die für sie vermutlich schwierigste Zeit. Ein halbes Jahr lang musste sie in Doppelfunktion noch die Arbeit als Kanzlerin leisten und sich außerdem gegen Verdächtigungen erwehren, die plötzlich unter Journalisten kursierten: Brigitte Klotz habe gar kein Diplom, dafür aber enge Verbindungen zur Stasi-Hochschule in Pots dam-Golm gehabt. Von den Vorwürfen blieb nichts übrig.
Skeptiker, die der Frau ohne Doktortitel nicht viel zugetraut hatten, hat Brigitte Klotz längst überzeugt. Unter ihrer Leitung wurden kleinteilige Fachbereiche zusammengelegt, vielfältige Kooperationen angeknüpft und die Umstellung der Studienabschlüsse auf Bachelor und Master vorangetrieben. Ihrem Nachfolger, Professor Günter H. Schulz, übergibt sie einen gut funktionierenden Fachhochschulbetrieb. Für die Zukunft der Hochschullandschaft in der Lausitz sieht sie die Notwendigkeit, dass FHL und Brandenburgische Technische Universität (BTU) Cottbus viel enger zusammenrücken. Die Uni, die seit fast einem Jahr einen neuen Präsidenten sucht, müsse sich jedoch erst mal wieder gut sortieren. Dann sollte man darüber reden, wie man sich durch Kooperation in Lehre und Forschung gegenseitig stärken kann. „Die Uni muss sich dazu auf das gute Potenzial der Fachhochschule einlassen“ , mahnt Klotz. Ziel müsse letztlich sein, dass Strukturen geschaffen werden, die einen gemeinsamen Auftritt beider Bildungseinrichtungen zulassen: „Die Organisationsform ist dabei nicht entscheidend.“
Dass sie selbst dann nicht mehr dabei sein würde, stand für Brigitte Klotz schon zu Jahresbeginn fest. Die Gründe, nicht mehr als Präsidentin der FHL zu kandidieren, waren persönlicher Art. „Ich möchte mal wieder sehen, was mein Mann so nach Feierabend macht“ , hatte sie kürzlich vor Journalisten gescherzt. In ihrer Wahlheimat Potsdam warten auf sie außerdem zwei Enkel, sieben und neun Jahre alt.
Es sind die Kinder der älteren von zwei Töchtern. „Die tritt in meine Fußstapfen und macht gerade trotz der zwei Kinder ein Fernstudium“ , sagt Brigitte Klotz. Die jüngere Tochter ist gerade zur Vorbereitung ihrer Masterarbeit in Biotechnologie in den USA.
Neben den Enkelkindern hat die scheidende FHL-Präsidentin ein eher seltenes Hobby: Hochseeangeln. Angefangen hat auch das bei ihr mit einem Quereinstieg: „Mein Mann war schon in jungen Jahren Angler. Weil ich irgendwann keine Lust mehr hatte, so viel alleine zu sein, bin ich mal mitgefahren.“ Jetzt reist sie alle zwei Jahre mit ihrem Mann nach Norwegen, zur Jagd auf große Fische.
Beruflich hat Brigitte Klotz längst neue Pläne. Sie hat sich für den Job der Präsidentin an der Fachhochschule in Brandenburg/Havel beworben. Von ihrer Wahlheimat Potsdam aus könnte sie dorthin täglich pendeln.
Ihren Schreibtisch in der FHL in Senftenberg wird sie erst im Dezember ausräumen. „Ich löse gerade meine Wohnung in Senftenberg auf, das fällt mir schon schwer genug.“ Schließlich sei sie doch mit vielem hier in den vergangenen Jahren sehr verwachsen. Der Job als Präsidentin der Fachhochschule Lausitz habe ihr viele Höhen und wenig Tiefen bereitet, sagt Brigitte Klotz: „Ich bin froh, diese Chance bekommen zu haben.“