Viele Palästinenser befürchten, dass die künftige Regierung in Jerusalem eigenmächtig eine endgültige Grenzziehung für Israel vornehmen und damit auch über das Schicksal des palästinensischen Volkes entscheiden wird. "Die Israelis wollen kein ,Großisrael' mehr", bestätigt der Politikwissenschaftler Ilan Greilsammer. Vielmehr habe sich der Gedanke durchgesetzt, weniger wichtige Territorien aufzugeben und dadurch die Palästinenser von den Israelis abzusondern. Bei diesem entscheidenden Akt wird Israel die Palästinenser, so fürchten diese, nicht nach ihrer Meinung fragen.
Ehud Olmert, Spitzenkandidat der in den Umfragen führenden Partei Kadima, formulierte für eine Regierung unter seiner Führung als wichtigstes Ziel, Israels Grenzen bis 2010 endgültig festzulegen. Von einer Einbeziehung der Palästinenser ist nicht die Rede. Der Interimsregierungschef plant, die großen jüdischen Siedlungsblocks im Westjordanland auszubauen und zugleich kleinere Siedlungen aufzugeben. Den Weg hat der seit einem schweren Schlaganfall Anfang Januar im Koma liegende Regierungschef Ariel Scharon gebahnt, indem er im vergangenen Jahr Israels Rückzug aus dem Gazastreifen durchsetzte.
Der scheidende palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kurei sieht in Olmerts Plänen "eine erst Etappe, all unsere Gebiete zu konfiszieren". Auch wenn es nicht so weit kommen wird, so würde eine Grenzziehung das tägliche Leben der Palästinenser doch sehr beeinträchtigen. "Wie sollen wir uns dann mit Wasser und Essen versorgen, wo sollen wir uns medizinisch behandeln lassen?", fragt der Vertraute von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, Sajeb Erakat.
Der frühere palästinensische Chefunterhändler bei den Friedensgesprächen mit Israel ist sich sicher, dass die Israelis nach der Knesset-Wahl den Friedensprozess endgültig abbrechen werden - "egal, welche Partei gewinnt", sagte Erakat. Das ist um so wahrscheinlicher, da Israel und die künftige von der radikal-islamischen Hamas gebildete palästinensische Regierung sich gegenseitig nicht als Verhandlungspartner anerkennen.
Die Anhängerschaft des Konzepts einer räumlichen Trennung von den Palästinensern findet in diesem Klima in Israel wachsenden Zulauf. Neben Kadima sehen dies auch die Arbeitspartei von Amir Perez und die linke Merez-Partei als eine Option an, wenn Friedensverhandlungen sich als unmöglich erweisen sollten. Selbst die rechts-nationalistische Partei Israel Beiteinu pocht nicht mehr auf ein "Großisrael", jenes "Erez Israel" in biblischen Ausmaßen, das nach ursprünglichen zionistischen Vorstellungen das heutige Israel plus Südlibanon, Syrien bis kurz vor Damaskus und den westlichen Teil Jordaniens umfassen sollte. Der Parteichef von Israel Beiteinu, Avigdor Liebermann, schlug vor, die beiden Regionen, in denen der Großteil der 1,2 Millionen arabischen Israelis lebt, dem Westjordanland anzugliedern und im Gegenzug die größte israelische Siedlung im Westjordanland, Maale Adumim, Israel zuzuschlagen.
Viele israelische Wähler sehen in einer einseitigen Grenzfestlegung eine Möglichkeit, endlich ohne Angst vor palästinensischen Anschlägen zu leben. Jehudit Auerbach, Dozentin an der Universität Bar Ilan in Tel Aviv, urteilt, im Wesentlichen erwarteten die Israelis von ihrem Regierungschef mittlerweile, "dass er uns erlaubt, endlich in den Genuss von Normalität zu kommen".