Von Sybille von Danckelman

Es ist die erste große Prüfung im Leben eines Jugendlichen – und sie endet mitunter mit einer handfesten Enttäuschung. Bundesweit rasseln immer mehr Schüler durchs Abitur, zuletzt scheiterte etwa einer von 26 Prüflingen. Zugleich aber wird auch immer häufiger die Note 1,0 vergeben. Fast jeder vierte Abiturient hatte 2017 eine 1 vor dem Komma. Daher wird Udo Beckmann, der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, auch nicht müde zu betonen: Die sich weiter öffnende Schere verdeutliche einmal mehr die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom Elternhaus der Kinder.

Brandenburg und Sachsen laufen bei nicht bestandenen Abi­tur-Prüfungen erfreulicherweise gegen den Trend: Brandenburg hat sich von einer Durchfaller-Quote von 5,7 Prozent auf 4,1 Prozent vorgearbeitet, Sachsen von 4,9 auf 3,1 Prozent. Die Anzahl der 1,0er-Abiturienten hat sich hingegen gemäß dem Bundestrend verdreifacht und verdoppelt.

Sachsens Kultus-Sprecher Dirk Reelfs sieht eine Ursache darin, dass sächsische Gymnasiasten nicht mehr 50, sondern nur noch 40 Halbjahreszensuren in die Abi-Note einbringen müssen. Der Freistaat habe sich 2017 den Vorgaben der Kultusministerkonferenz angeschlossen. Die Kehrseite der besseren Vergleichbarkeit: Dadurch hätten sächsische Schüler nun auch mehr Möglichkeiten, so Ministeriums-Sprecher Reelfs, schlechtere Noten wegzulassen.

Genau das deutet die Vorsitzende des Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing, als generellen Fehler in der Konzeption des Abiturs. „Im Abi­tur zeigt sich die Frucht von kontinuierlichem Lernen und kontinuierlichem Leisten – im Positiven wie im Negativen“, sagt sie. Mit den Abi­tur-Regelungen der Kultusminister werde kontinuierliches Lernen nicht genügend gefördert und gefordert. So müssten Schüler in der Oberstufe nur 32 bis 40 ihrer Kurse ins Abitur einbringen. Sie belegten aber deutlich mehr – die Noten in den übrigen Kursen zählten allerdings nicht fürs Abitur.

Und selbst in solchen Kursen, die zur Abi-Berechnung hinzuzählten, dürften Schüler immerhin achtmal durchfallen. Die Jugendlichen lernten also, dass sie gar nicht immer ihre beste Leistung bringen müssten. „Mehr Kurse einzubringen wäre aus vielerlei Hinsicht sinnvoll, weil sie ein besseres Abbild der kontinuierlichen Leistung in der gesamten Oberstufe geben“, sagt Lin-Klitzing. Zur Zeit brauche ein Schüler nicht einmal die Hälfte der Maximalpunktzahl, um eine Prüfung zu bestehen. Das bereite die jungen Leute schlecht auf Arbeitsleben und Studium vor.

Und anders als in der Sekundarstufe 1, in der es eine Eins erst für 96 Prozent gibt, bräuchten Schüler in der Abiturstufe für eine glatte Eins nur 90 Prozent der Maximalpunktzahl, so Lin-Klitzing.(mit dpa)