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| 01:09 Uhr

„. . . aber sie lacht noch immer“

„Es lag ein Leichengeruch über New York“, erinnert sich Rolf Babiel. Als am Morgen des 11. September 2001zwei Flugzeuge in das World Trade Center rasen, präpariert der heute 51-jährige Babiel gerade seinen Imbissstand, um pünktlich wie jeden Tag um zwölf Uhr sein deutsches Essen unter die New Yorker zu bringen. Im Fernsehen sieht der ehemalige Hoyerwerdaer die Rauchschwaden, die aus den Türmen aufsteigen. Von Bernd-Volker <br> Brahms

zwei Flugzeuge in das World Trade Center rasen, präpariert der heute 51-jährige Babiel gerade seinen Imbissstand, um pünktlich wie jeden Tag um zwölf Uhr sein deutsches Essen unter die New Yorker zu bringen. Im Fernsehen sieht der ehemalige Hoyerwerdaer die Rauchschwaden, die aus den Türmen aufsteigen. Trotzdem macht er sich auf den Weg, um wie seit 20 Jahren sein Geld mit einem fahrbaren Imbissstand zu verdienen, von denen es cirka 3000 in der Acht-Millionen-Metropole gibt. „Wer konnte denn ahnen, dass sich da eine solche Katastrophe anbahnt“ , sagt Babiel. Erst langsam merkt er, dass an diesem Tag kein Würstchen und kein Sauerkraut zu verkaufen ist. „Später habe ich geheult“, sagt der ansonsten wenig sentimentale Babiel. Die ganze Stadt sei paralysiert gewesen. Nicht nur zwei Türme, sondern ein ganzes Stadtviertel sind damals in Schutt und Asche gegangen.

Heute – zwei Jahre später – steht der „gelernte DDR-Bürger“, wie er sagt, wieder an seinem Stammplatz, etwa sieben Kilometer vom „Ground Zero“ entfernt. „Na, ist deine Mutter aus Moskau wieder dran”, fragt Rolf Babiel eine junge Frau. Ihren Kopf hat sie links auf die Schulter gelegt, um das Handy nicht fallen zu lassen, während sie mit den Händen ein paar Geldscheine aus der Tasche fingert. „Die Mutter war in der SED und ist nach der Wende nach Moskau geflohen“, erklärt Babiel mit einem Augenzwinkern. Dann reicht der New Yorker Wurstverkäufer der Frau die Portion „German Soul Food“ – deutsches Seelen-Essen – und packt die Dollarscheine säuberlich in die Kasse. Für seine Stammkunden hat er immer einen lockeren Spruch in petto.

Gute Adresse für „Wurst Restaurant“
Für sein „Wurst Restaurant“ hat sich Babiel die nobelste Adresse New Yorks ausgesucht. Der 51-Jährige steht an der Fifth Avenue, Ecke 54. Straße. Fein gekleidete Damen zeigen hier durch ihre Gucci-Tragetaschen, dass sie gerade einmal wieder eine Menge Geld ausgegeben haben, Männer kauen aufreizend auf Zahnstochern oder stehen mitten auf der Straße, um eines der gelben „Cabs“ – Taxis – für ihre Stöckelschuh tragenden Frauen heranzuwinken.
„Lufthansa hat hier gegenüber ihre Hauptstelle“, erzählt Babiel. Als er 1981 begann, dachte sich der sächsische Wurstverkäufer, dass er sein deutsches Essen am besten bei seinen Landsleuten loswerden könnte. Da schien ihm der Standort nahe einer großen deutschen Firma ideal. „Ich dachte, die wollen doch sicher auch mal etwas anderes essen als diese labbrigen Hot-Dogs“, sagt Babiel über seine damalige Geschäftsidee. Die Warteschlange streckt sich seitdem auch schon mal zehn Meter über den Bürgersteig. Und die Kundschaft besteht beileibe nicht nur aus deutschen Touristen, sondern auch Amerikaner und vor allem Japaner haben die deutsche Vollwertkost schätzen gelernt. „Das japanische Fernsehen hat schon zweimal einen Beitrag über mich gemacht“, sagt Babiel. Seither gehören die Japaner zu seinen treuesten Kunden. Vor einigen Monaten waren Schauspieler Will Smith und der Musiker Paul McCartney an seinem Stand.

Neben seinem rollenden Würstchenstand „Hallo Berlin“, den er drei Stunden täglich geöffnet hat, betreibt Rolf Babiel zusammen mit seiner Frau Bernadette und neuerdings auch zusammen mit Bruder Wolfgang zwei Lokale in Manhattan und eines in Conklin, drei Autostunden von New York entfernt. Am meisten Spaß macht ihm aber immer noch der Verkaufswagen. „Damit habe ich angefangen und dem bleibe ich treu.“ Reich geworden ist er nach eigenen Worten aber nicht. Die Boulevardpresse hat ihn nichtsdestotrotz auch schon mal als den „Wurstkönig von New York“ tituliert.
Rolf Babiel wuchs als eines von zehn Kindern in Hoyerswerda auf, er ging dort zur Schule und arbeitete später als Maschinist im Tagebau bei Knappenrode. Mit 23 Jahren konnte er am 13. August 1975 die DDR Richtung West-Berlin verlassen. Ausgerechnet der Jahrestag des Mauerbaus wurde für ihn der Tag des Grenzübertritts. Schon zweimal vorher hatte er Anfang der 70er-Jahre versucht, über die damalige Tschechoslowakei zu flüchten. Einmal bekam er Angst, ein anderes Mal wurde er von Tschechen aufgegriffen. Konsequenzen hatte das für ihn nicht. „Keiner hat das Recht dich festzuhalten“, sagt Rolf Babiel auch heute noch. Er habe sich konform verhalten, habe jedoch öfter den Arbeitsplatz gewechselt. Später habe er dann einen Antrag gestellt, auf dem Berliner Alexanderplatz demonstrieren zu dürfen. Irgendwann habe man sich wohl gedacht, dass man diesen Querulanten loswerden müsse, glaubt Babiel. Der ehemalige Ho yerswerdaer gewinnt der damaligen DDR aber auch einige Vorteile ab: „Wenn es dieses Land nicht gegeben hätte, dann wäre ich heute ein anderer Mensch.“
Als der Mitzwanziger 1975 nach Berlin übersiedelte, verdiente er sein Geld mit Milch ausfahren, ehe er Anfang der 80er-Jahre seine erste Frau kennen lernte – eine Amerikanerin. Mit ihr kam er 1980 erstmals für einen Kurzbesuch nach New York. Schon 1981 kehrte Rolf Babiel dorthin zurück und begann mit seinem Imbissstand.

„Hoyerswerdaer Schnitzel“
Neben dem „Hoyerwerdaer Schnitzel“, den „Königsberger Klopsen“ und den „Kasseler Rippchen“ ist sein Soul-Food die Spezialität – ein Mix aus Bratwurst und Weißwurst mit Sauerkraut dazu Ketchup – eine Mischung aus rot und weiß. Rot für Kommunismus, weiß für Kapitalismus, sagt Babiel, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass seine Biographie eben genau eine Mischung aus diesen krassen Gegensätzen ist. Auch die Trabant-Bockwurst und die Porsche-Currywurst für vier Dollar hat er im Angebot. „Ich war schon immer ein politischer Würstchenverkäufer.“
Vom Mauerfall in Berlin erfuhr Babiel durch deutsche Touristen, die mit Sektflaschen an seinen Imbissstand kamen. „Ich wollte es nicht glauben“, sagt er. Durch die politische Wende war es dem zweifachen Familienvater auch wieder möglich, seine alte Heimat zu besuchen. Fast jährlich kommt er nach Hoyerswerda, besucht Verwandte und macht Urlaub an der Ostsee. Gleich 1990 sind auch die Eltern aus Hoyerswerda nach New York gereist. Dem Vater sei allerdings am ersten Abend das Portemonee geklaut worden. „Da war New York für ihn erledigt“, sagt Babiel. Er selbst habe nie an der Richtigkeit seines Tuns gezweifelt, auch wenn er einige beängstigende Sachen erlebte. 1989 wurde er beim Joggen im Central Park überfallen, die Messerwunden mussten mit 164 Stichen genäht werden. Einige Jahre später wurde mit einem Pfeil auf ihn geschossen. Ein missgünstiger Konkurrent, wie er vermutet. Die Gegend, in der Babiel seine zwei Restaurants betreibt, heißt nicht ohne Grund „Hell’s Kitchen“ (Teufels Küche). Bis in die 60er-Jahre hinein haben sich die Mafia-Gruppen hier mit viel härteren Geschossen zur Strecke gebracht. „Solche Überfälle können einem überall passieren“, ist sich Babiel sicher. In seiner Grundhaltung ist der ehemalige Sachse mittlerweile ein richtiger New Yorker. Die Umstände können gar nicht so widrig sein, dass man ihnen nicht trotzen kann. Auch nach dem 11. September sei dies so gewesen.
„Der Stadt hat man zwei Zähne ausgeschlagen“, sagt Babiel, „aber sie lacht immer noch“. Dazu gehört auch der Wille zum Wiederaufbau. Spätestens in vier Jahren soll am heutigen „Ground Zero“ wieder ein Turm stehen. Und wenn es nach den Architekten geht, noch einen Tick höher als das ehemalige World Trade Center. Aber auch das kennt Rolf Babiel. In den letzten Jahren hat er mit verschiedenen Partnern zusammengearbeitet und ist dabei einige Male „auf die Fresse gefallen“ . Das einzig Wichtige ist – und das hat er von den Amerikanern gelernt: Man kann ruhig fallen, man muss nur auch wieder aufstehen.