Abbas gab sich gestern nach zwei Tagen des blutigen Machtkampfes seiner Fatah mit der radikal-islamischen Hamas entschlossen. "Wir wollen den Willen des palästinensischen Volkes testen. Traut es noch den Leuten, die es gewählt hat", bekräftigte der sonst als zögerlich bekannte Abbas seine Ankündigung von Neuwahlen.
Bei seinem Treffen mit dem britischen Premierminister Tony Blair in Ramallah zeigte er keine Unsicherheit, obwohl in der Bevölkerung die Angst vor einem Bürgerkrieg der rivalisierenden palästinensischen Bewegungen seit dem Wochenende gewachsen ist.
Mit der Entscheidung für Neuwahlen versucht Abbas in einer fast aussichtslosen Situation den politischen Befreiungsschlag. Internationale Sanktionen gegen die Hamas-Regierung haben den Niedergang der Palästinenser weiter beschleunigt. In Kernforderungen der Geberländer, wie einer Anerkennung Israels, hat sich die Hamas trotzdem nicht bewegt. Obwohl eine absolute Mehrheit der palästinensischen Wähler der radikal-islamischen Bewegung und ihrem kompromisslosen Programm erst vor einem Jahr ihre Stimme gegeben hat, sollen vorgezogene Wahlen nun andere Machtverhältnisse bringen, wenn sich Fatah und Hamas nicht doch noch auf eine Einheitsregierung einigen.
"Meine Pflicht ist es, Lösungen zu finden", sagt Abbas. Doch die Ankündigung von Neuwahlen hat im Gazastreifen zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen geführt. So sieht die Bilanz zwei Tage nach der Ankündigung von Abbas düster aus. Milizen und bewaffnete Banden haben die Straßen in Gaza übernommen. Vermummte Männer mit Schnellfeuergewehren und Panzerfäusten liefern sich Kämpfe, während Familien mit ihren Kindern angsterfüllt in ihren Wohnungen bleiben. Noch ist vieles nur Drohgebärde, wie die relativ geringe Zahl von Opfern bei dem Kampfgetöse zeigt.
Der Schritt, die Hamas-Regierung trotz des Sieges in einer demokratischen Wahl aufzulösen, wird für Abbas eine gefährliche Gratwanderung. Die Hamas-Führung ist überzeugt, dass die rivalisierende Fatah von Abbas von Anfang an einen Erfolg der radikal-islamischen Organisation aus den Reihen der Muslimbrüder verhindern wollte und dabei gemeinsame Sache mit den USA und Israel macht. Dabei fürchten auch arabische Regierungen, die im eigenen Land von Islamisten bedrängt werden, einen Erfolg der Hamas.
Abbas geht nun volles Risiko, hat bisher aber nur wenig erreicht. Als Plus kann er zunächst nur verbuchen, dass er seine Fatah - bisher zersplittert und zerstritten - wieder geeint hat. "Er hat der Fatah den Stolz zurückgebracht", sagt ein palästinensischer Beobachter gestern. Nach der schmerzlichen Niederlage bei der Parlamentswahl im Januar hoffen die Fatah-Politiker auf eine Korrektur. "Die Menschen haben nun wirklich genug von der Situation", sagt Mohammed Safadi, ein Fatah-Anhänger in Gaza. "Sie wollen ein Ende ihres Leids und dieser miserablen Lebensbedingungen."
Dagegen bekräftigt die Hamas, dass sie sich den demokratisch errungenen Wahlsieg vom Januar nicht nehmen lassen wird. Die Funktionäre der Hamas schielen bereits auf das Präsidentenamt. "Wenn jemand dieser Situation müde ist und Ruhe braucht, lass ihn zurücktreten", sagte der zur Hamas gehörende Außenminister Mahmud al-Sahar. "Dann halten wir Wahlen ab."