Als der Durchbruch geschafft war, mitten in der Nacht zum Samstag, brauchte John Kerry "erstmal frische Luft". Um ein Uhr morgens spazierte der Außenminister der USA am malerischen Ufer des Genfer Sees entlang, begleitet nur von ein paar Sicherheitsleuten. Über das, was Sergej Lawrow tat, nachdem in dem Verhandlungsmarathon um Syriens Giftgaswaffen endlich die Zielmarke erreicht war, wollten russische Diplomaten keine Angaben machen. "Soviel ist aber sicher", sagte einer, "er hat sich erstmal eine Zigarette angezündet."

Keine Abreise ohne Erfolg

Ob Frischluft- oder Nikotinfanatiker, in einem waren sich die Außenminister einig: Ohne einen "Deal", ohne einen tragfähigen Fahrplan für die Abrüstung der syrischen Chemiewaffen, wollte keiner von ihnen abreisen. Dieser gelang, und es lag wohl auch daran, dass die Chemie zwischen Kerry und Lawrow ganz einfach stimmte.

"Wie finden Sie denn ihren amerikanischen Gesprächspartner, kommen Sie gut mit ihm zurecht?", wurde Lawrow in einer Reporterrunde gefragt. Natürlich traute jeder im Raum dem 63-Jährigen, der als einer der erfahrensten Diplomaten gilt, eine eher unbestimmte diplomatische Antwort zu. Schließlich hat man noch die Bilder von der Begegnung zwischen den Präsidenten Barack Obama und Wladimir Putin beim G20-Gipfel vor Augen, die den Eindruck eisiger Kälte vermittelten. Lawrow machte keine Ausflüchte: "John ist mein Freund."

Künftiger Streit weiter möglich

Lobende Worte auch von Kerry: Ohne "Sergejs harte Arbeit" wäre man wohl nicht zu einem Ergebnis gekommen. Natürlich weiß niemand, ob sich die USA und Russland nicht demnächst doch wieder wegen Syrien zerstreiten, ob Washington sich nicht doch gezwungen sieht, Assad mit militärischer Gewalt in die Schranken zu weisen. Doch an mangelnder gegenseitiger Achtung der Außenminister würde das nicht liegen.

Ihr Kompromiss: Washington verzichtet darauf, dass die Genfer Vereinbarung einen Automatismus für Gewaltanwendung beinhaltet, sollte Syriens Machthaber Assad die Chemiewaffen-Abrüstung behindern. Russland stimmt dafür harten Auflagen für Damaskus zu, darunter einer Frist für die Offenlegung der Waffenarsenale bis zum Samstag. Und die Anwendung von Gewalt nach Kapitel VII der UN-Charta wird zumindest erwähnt - wenngleich verknüpft mit der Bedingung einer Zustimmung des UN-Sicherheitsrates, in dem Moskau als Veto-Macht alles verhindern kann.

Sein Motto sei "Diskutieren statt Bombardieren", sagte Lawrow einmal. Auch da lagen beide Minister - der Spross einer sowjetischen "Kaderschmiede" für Diplomaten und der amerikanische Multi-Millionär und einstige Präsidentschaftskandidat aus dem vornehmen "Ostküstenadel" - auf einer Wellenlänge.

Eines Tages, wenn die Geheimhaltung für die Gesprächsprotokolle aufgehoben wird, dürften der Genfer Verhandlungen dieser von Hause aus ganz unterschiedlichen Männer in Lehrbücher der internationalen Diplomatie eingehen. Kapitelüberschrift: Kompromiss statt Konfrontation.

Dabei gab es im abgeschirmten Sitzungszimmer des Hotels "Intercontinental" sicher auch Momente enormer Spannungen. Scheinbar unvermittelt fährt Kerry Freitagnachmittag zur amerikanischen UN-Mission. Lawrow sitzt derweil mit undurchsichtiger Miene am Hotel-Pool und raucht. Dann fährt auch er weg. Bald sind beide wieder da. Von ihren UN-Missionen aus sollen sie ihre Präsidenten konsultiert haben.

Dinner für die Öffentlichkeit

Schon am ersten Abend ihrer Verhandlungen hatten die Minister allen ihre Bereitschaft zum Kompromiss vor Augen geführt. Denn es war wohl kein Zufall, dass Kerry und Lawrow sich zum gemeinsamen Dinner ausgerechnet an den am besten für die Kameraleute von außen einsehbaren Tisch des Hotelrestaurants setzten.

Die Körpersprache, die freundschaftlichen Berührungen an Armen und Schultern, das Lachen, aber auch das ernste gegenseitige Zuhören zeigten der Welt: Hier sitzen zwei Männer bei feinem Weißwein von den Hängen des Genfer Sees, die auf gleicher Augenhöhe reden. Männer, die Abmachungen, wenn sie einmal erreicht sind, auch einhalten wollen. "Die werden sich einigen", sagte ein US-Fernsehkorrespondent bei diesem Anblick voraus. "Zwei Männer und ein Wort, das gilt. Wie im Western."