Der Schreibtisch von Regine Hübscher im Bauordnungsamt der Wittenberger Kreisverwaltung blieb gestern leer. Sie war mit ihrem Mann in Bonn. Zum ersten Mal in ihrem Leben - und dann auch noch gleich in der Villa Hammerschmidt. Bundespräsident Johannes Rau zeichnete sie und 24 andere Frauen und Männer aus dem gesamten Land mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik aus. Er würdigte damit ihr herausragendes ehrenamtliches Engagement.
Eigentlich wäre die 36-Jährige aus dem kleinen 700-Seelen-Dorf Dabrun gestern aber viel lieber an ihrem Arbeitsplatz als in Bonn gewesen. "Natürlich fühle ich mich geehrt und freue mich. Aber ein gemischtes Gefühl ist auch dabei. Schließlich hätten so viele diese Auszeichnung verdient" , sagt sie.
Regine Hübscher ist eine Frau, die mit beiden Beinen fest im Le- ben steht - ob in der Familie mit Mann Olaf und den beiden Söhnen David und André, im Beruf als Verwaltungsfachfrau oder im Fußballverein, bei dem sie im Vorstand hilft.

Oberfeuerwehrfrau in Dabrun
Besonders aber hat es ihr die Freiwillige Feuerwehr des Ortes angetan und das nicht nur, weil die ganze Familie darin aktiv ist. Schon als Zwölfjährige ist sie in die Dabruner Feuerwehr eingetreten und so mittlerweile fast ein Vierteljahrhundert dabei. Regine Hübscher ist ausgebildete Maschinistin und Oberfeuerwehrfrau - ein Titel, den man sich erarbeiten muss in vielen Jahren und mit viel Fleiß und Wissen. So wird regelmäßig geübt in der Wehr und wenn es zu Wettkämpfen geht, dann ist die Dabruner Frauenmannschaft gefürchtet.
Feuerwehr ist aber nicht nur Spaß. Die Kameraden in Dabrun haben Einsätze bei Verkehrsunfällen erlebt, umgekippte Bäume nach Stürmen von der Straße geräumt und auch schon Wohnungsbrände gelöscht. Doch sie wäre wahrscheinlich eine engagierte Feuerwehrfrau wie viele andere in ganz Deutschland, wenn, ja wenn es das Jahrhunderthochwasser nicht gegeben hätte.

Dabrun blieb Deichbruch erspart
Die kleine Gemeinde Dabrun liegt direkt an der Elbe, rund zehn Kilometer entfernt vom Wittenberger Stadtteil Pratau. In Pratau hat der Deich nicht gehalten. Der ganze Ort wurde am 18. August Opfer der Flut. Dass den Dabrunern dieses Fiasko erspart geblieben ist, haben sie ihrer Feuerwehr, mehr als tausend Helfern und vor allem so couragierten Leuten wie Regine Hübscher zu verdanken.
"Wir haben die Geschehnisse um Prag, Grimma und Dresden natürlich verfolgt. Und als am 14. August der Katastrophenalarm im Kreis ausgerufen wurde und drei leitende Mitarbeiter unseres Amtes in den Katastrophenstab beordert wurden, da wusste ich, dass auch uns in Dabrun nichts rettet, wenn wir nicht sofort handeln" , erzählt Regine Hübscher. Sie verließ damals sofort ihren Arbeitsplatz und nahm den Dienst als Feuerwehrfrau in Dabrun auf.
Im Feuerwehrgerätehaus wurde der Krisenstab der Gemeinde eingerichtet. Rund acht Kilometer Deich zwischen Pratau und Dabrun hatte die Wehr zu verteidigen, und die Lage war ernst, denn das Wasser bahnte sich an vielen Stellen schon seinen Weg durch die Deichsohle. Regine Hübscher hielt ständig den Kontakt mit dem Katas trophenstab in Wittenberg und koordinierte den gesamten Einsatz der Kräfte am Damm. "Wir haben schon in der ersten Nacht rund 10 000 Sandsäcke gefüllt und verbaut. Hätten wir nicht von der ersten Minute an unseren Deich massiv gesichert, wir hätten es nicht geschafft" , ist sie überzeugt. Denn die Elbe stieg und stieg.
76 Stunden am Stück hat sie in den ersten Tagen durchgearbeitet - ohne zu schlafen. Dann ging es nicht mehr. "Wir haben uns abgewechselt, aber mehr als drei, vier Stunden Schlaf waren nicht drin. Wir hatten alle eine Heidenangst um unsere Häuser und unser Dorf und davor, dass unsere Anstrengungen umsonst gewesen sein könnten." Regine Hübscher und ihre Leute koordinierten den Einsatz von rund tausend Freiwilligen, die von überall kamen - aus dem Dorf, aus dem ganzen Kreis und Land, aber auch aus anderen Bundesländern.
Als sich die Situation dramatisch zuspitzte, waren die Söhne mit dem Schwiegervater schon längst im sicheren Wittenberg bei Bekannten. "Denen bin ich zu ewigem Dank verpflichtet. Sonst hätte ich die Arbeit am Deich nicht durchgestanden" , sagt sie.

Wettlauf mit der Zeit
Um 80 Zentimeter haben die Helfer durchgehend die Deichkrone erhöht und die Deichsohlen stabilisiert. Es war ein Wettlauf mit der Zeit. Rund eine halbe Million Sandsäcke sind allein an diesem Abschnitt zwischen Pratau und Dabrun gefüllt und verbaut worden. "Die Leute haben gearbeitet bis zum Umfallen. Erwachsene Männer haben zehn Kilo in ein paar Tagen abgenommen. Wir waren alle mit den Nerven am Ende, aber wir wollten und konnten nicht aufgeben" , so Regine Hübscher. Sie orderte immer neue Hilfstrupps und schickte sie an die gefährdeten Stellen. Sie fertigte Listen, wo sich die Leute, die an den Deich fuhren, eintragen und sich nach dem Einsatz wieder bei ihr melden mussten. "Die Elbe stieg unaufhörlich. Es war mitunter sehr gefährlich und riskant, an den Dämmen zu arbeiten. Deshalb mussten wir auch die Gewissheit haben, dass alle nach dem Einsatz wieder da sind" , erzählt sie.

Auf eigene Gefahr
Als dann aber ein kleiner Deichbruch nahe eines Wäldchens auftrat, mussten die Helfer doch abgezogen werden. "Wenn die Schad-stelle noch größer geworden wäre, hätten die Wassermassen die Bäume weggerissen. Dann hätte es Tote gegeben" , ist sich Regine Hübscher heute sicher. Rund 20 Freiwillige haben doch auf eigene Gefahr weiter gemacht und es ist ihnen gelungen, das Loch zu stopfen. "Diese Aktion hat unser Dorf gerettet. Aber ich möchte eine solche Situation nie wieder erleben" , sagt die 36-Jährige.
Sie und ihre Mitstreiter haben ausgeharrt bis zum Schluss. Ein ganzes Dorf hatte gekämpft und es hatte gesiegt. Bis zum 23. August, als der Katastrophenalarm im Landkreis Wittenberg aufgehoben wurde, war Regine Hübscher ausschließlich Feuerwehrfrau. Zehn Tage und zehn Nächte lang. Und an dem einen freien Sonntag, der ihr blieb zwischen dem Katastropheneinsatz in der Gemeinde und dem Dienst in der Kreisverwaltung, half sie einer befreundeten Familie in Pratau, deren Einkaufsmarkt regelrecht abgesoffen war.
Das Hochwasser hat Regine Hübscher bis heute nicht losgelassen und das nicht nur wegen der dringend nötigen Deichreparaturen. Neben ihrer Arbeit als Sachgebietsleiterin im Bauordnungsamt bearbeitet sie die Schadensbegutachtungen der vom Wasser beschädigten Gebäude im Kreis. "Ich habe das ganze Elend gesehen, in Prettin, Gorsdorf, Axien oder Schützberg, wo die Häuser mitunter eineinhalb Meter im Wasser standen" , erzählt sie. "Für viele Betroffene waren wir nicht nur Gutachter, sondern vor allem Seelsorger. Wir Dabruner konnten unser Dorf retten. Aber andere haben genauso geschuftet und dennoch den Kampf gegen das Wasser verloren. Darum hätten so viele diese hohe Auszeichnung verdient."