Freitagmorgen, sieben Uhr. Karina Robel, 36, öffnet die Tür zum Kindergarten „Otti“ in Cottbus. Eine liebevoll renovierte Altbauvilla, großer Garten, helle Räume. Im ersten Stock warten schon die ersten "Wackelzähne" auf die sportliche junge Frau. "Hallo, guck mal, was ich mitgebracht habe."
"Ich bin heute Mittagskind." "Ich habe Hunger." "Die wollen nicht mit mir spielen." Mindestens sechs Ohren und drei Münder bräuchte die Erzieherin, um alle Kinder zufrieden zu stellen, so müssen starke Nerven herhalten, um den morgendlichen Ansturm zu bewältigen.
In den nächsten zwei Stunden werden alle 21 Kinder der Gruppe eintreffen, zwischen fünf und sechs Jahren alt, jedes mit seinen eigenen Wünschen und Vorlieben, Schwächen und Bedürfnissen. Und auch Silvia Kriese, 51, kommt dazu. Die erfahrene Kindergärtnerin erklärt: "Bis zum vergangenen Jahr hatten wir, wie üblich, altersgemischte Gruppen, pro Gruppe eine Erzieherin. Jetzt haben wir erstmals alle älteren Kinder aus ihren Gruppen herausgelöst um sie so gezielt auf die Einschulung vorbereiten zu können."
Ein Experiment, das Angst machte. Bei den Kollegen, die ungern auf Vertrautes verzichten wollten. Bei den Kindern, die ihre Freunde aufgeben mussten, bei Eltern, die eine plötzliche "Verschulung" des Kindergartens fürchteten.
"Heute wissen wir von den Eltern und vor allem über die Erfolge der Kinder, dass das Experiment ein Erfolg ist", sagt Silvia Kriese voller Begeisterung. "Die Kleinen haben riesige Fortschritte gemacht, sind wissensdurstig und immer wieder selbst überrascht, was für tolle Sachen sie schon können."
9.10 Uhr, Hektik bricht aus. "Anziehen, Kinder", ruft die Erzieherin. 21 Paar Schuhe, 21 Mützen, Schals und Handschuhe müssen gefunden, Jacken zugeknöpft, Nasen geputzt werden – die Wackelzähne gehen zum Turnen. Mit der benachbarten Reha-Vita besteht seit einigen Monaten ein Kooperationsvertrag: Die Kinder nutzen den modernen Gymnastikraum der Einrichtung, im Gegenzug können Reha-Mitarbeiter ihre Kinder in der Inselstraße unterbringen.

Erstaunlich selbstständig

9.30 Uhr, Kinder und Erzieherinnen drängen in den Umkleideraum. Schnell soll es gehen, die Zeit ist kostbar. Und schnell geht es tatsächlich: Erstaunlich selbstständig bewältigen die Wackelzähne ihre Umzieh-Prozedur, huschen dann fix und leise in den Turnraum. Abzählen, aufstellen, ein gellendes "Sport frei!". Das Motto der Fröbel-Pädagogik – "spielerisch auf das Leben vorbereiten" – hier wird es in Reinkultur vorgeführt. Beim Laufen werden verschiedene Rhythmen erprobt, beim Ballspiel rechts und links geübt, das Muskeltraining trainiert Partnerschafts-Verhalten.
Plötzlich weint Nirida, der kleine Amon hat sie geschubst. "Aus Versehen", beteuert er, trocknet die Tränen des Mädchens und alles ist wieder gut. 90 Minuten später, viel zu früh für die Kinder, geht es zurück in den Kindergarten. Schnell einen Happs Obst naschen, einen Schluck Tee trinken, dann laufen die Kinder noch für eine halbe Stunde in den Garten. "Die anderen Gruppen essen jetzt schon, legen sich dann schlafen", sagt Karina Robel. "Wir aber können unseren Tagesablauf genau auf die Bedürfnisse unserer Kinder abstellen, müssen nicht mehr auf die ganz Kleinen Rücksicht nehmen."
Der Bewegungsspielraum sei einfach größer geworden. So können die Wackelzähne regelmäßig in die Kunstsammlungen gehen, Exkursionen machen, die Theaterpädagogin besuchen. Bleiben die Kinder "zu Hause", wird vormittags fleißig und mit großer Lust gemalt, gebastelt, modelliert, erzählt und zugehört. Nach Fröbelschem Vorbild: Mit einfachen, die Kinder anregenden Spielgaben, mit einer lebensnahen Pädagogik und viel Raum für Kreativität. Doch Neues sorgt immer auch für Angst und Missverstehen. Kerstin Glasnick, Leiterin der Einrichtung: "Im Advent haben wir uns dieses Jahr besonders bemüht, den Kindern die Hintergründe der Weihnachtsgeschichte zu erklären. Da bekamen einige Eltern Angst, dass wir plötzlich kirchlich werden." Dabei sei es, so sagt sie, doch nur ums Verstehen gegangen, nicht darum, religiös zu werden.

Begeisterung und Disziplin

Neben den Kindern muss das Team Kriese/Robel immer wieder also auch Eltern und Kollegen "erziehen". Erklären, was da so vor sich geht bei den Wackelzähnen. Gruppengespräche, Elternnachmittage, Gartenfeste vorbereiten, Einschätzungen der Kinder vornehmen, Berichte schreiben – die 30 Stunden Wochenarbeitszeit reichen kaum aus, um alles zu bewältigen. "Wir machen halt viel nach Feierabend zu Hause", sagt Silvia Kriese. Sie selbst nutzt derzeit die Wochenenden, um in Dresden ihr Fröbel-Diplom abzulegen. Einen ungeahnten Motivationsschub hat das Zusatzstudium bei ihr ausgelöst: "Es ist doch einfach fantastisch. Dieser Pädagoge wusste im 19. Jahrhundert schon so vieles, was wir erst mühsam wieder erlernen müssen." Ihre Begeisterung – und ihre gelassene Forderung nach Disziplin – überträgt sich auf die Kinder.
11.30 Uhr, Essenszeit. Still, zumindest so still, wie es hungrigen Steppkes möglich ist, setzen sich die Kleinen auf ihre Plätze. Maria und Johanna, mit großen Schürzen vor dem Bauch, tragen stolz das Essen auf – Bohneneintopf, nicht gerade die Lieblingsspeise im Kindergarten. Trotzdem wird nur wenig gemurrt. Nach dem Essen aufräumen, Zähne putzen, Schlafanzüge anziehen, alles klappt reibungslos. Die Kinder holen ihre Schlafmatten, legen sich hin. Jalousien runter, Türen zu – jetzt können die Kindergärtnerinnen Pause machen. Theoretisch zumindest. Praktisch geht die Tür schon nach wenigen Minuten wieder auf. "Ich muss mal." Später dann: "Ich kann nicht schlafen."

14 Uhr, die "Pause" ist zu Ende. Aufstehen, anziehen, Vesper, danach ist Spielen angesagt. Die Mädchengruppe verzieht sich in die Puppenecke, die Jungs türmen mit Holzspielzeug meterhohe Wolkenkratzer auf. "Carlchen, hast Du Lust zu malen?" Frau Kriese schnappt sich den Jungen für eine kleine Extra-Stunde: Der Stift ist nicht gerade Carlchens bester Freund, immerhin hat ihm das geduldige Üben schon etwas Lust aufs Ausprobieren gemacht. Stolz zeigt er sein Bild vor – die Arme seines Strichmännchens hängen zwar immer noch an den Ohren, trotzdem wird Carl zärtlich gelobt. "Damit er morgen noch ein bisschen besser klarkommt", sagt seine Erzieherin.
14.30 Uhr, für Karina Robel beginnt der Feierabend. Sie holt ihren kleinen Sohn aus der Nachbargruppe, zu Hause wartet ein 14-Jähriger auf die Mama. "Der muss sich aber erst mal eine Viertelstunde gedulden", gibt die Erzieherin zu. "Ich brauche einfach ein paar Minuten absolute Stille, bevor ich wieder aufnahmefähig bin."

Zurückstecken lernen

16.30 Uhr, Silvia Kriese ist noch immer bei den Wackelzähnen. Verabschiedet die Kinder, die abgeholt werden, tröstet jene, die noch warten müssen, lässt den Tag langsam Revue passieren. "Die Kinder", so sagt sie, "haben sich verändert. Sind individueller geworden. Wunschkinder zumeist, denen zu Hause viele Wünsche erfüllt werden. Das Zurückstecken, das müssen sie hier bei uns lernen."
Silvia Kriese liebt ihren Beruf. Noch immer und sogar immer ein bisschen mehr, trotz all der Jahre. "Es passieren jeden Tag so wunderbare Sachen", schwärmt sie. "Von den Kindern kommt so viel an Liebe und Wärme, da muss man einfach gern hier arbeiten."
Nur die Politik, die macht es den Erzieherinnen nicht immer leicht. Ständig neue Verordnungen, Ängste vor Entlassung, gerade jetzt machen vorgezogene Einschulungs-Stichtage neue Planungen erforderlich, mit rund 1100 Euro netto ist das Gehalt auch nicht gerade fürstlich. "Früher", so sagt Silvia Kriese, und meint mit "früher" ihre Ausbildung und Arbeit in der DDR, "früher waren wir ans Bildungsministerium angegliedert, unsere Arbeit wurde wichtig genommen, war wichtig. Jetzt sind wir ins Soziale ,abgerutscht‘. Dabei sind die Kinder doch heute nicht weniger wert als damals, oder?"