Herr Unterburger, der Piraten-Hype ist erstmal durch, der Bundesvorstand mahnt zur Einigkeit. Wie viel Spaß macht es Ihnen noch nach vier Wochen als Vorsitzender?

Immer noch viel Spaß. Der Hype war wäre nicht möglich gewesen ohne Substanz. Jetzt ist der Hype vorbei und die Substanz bleibt. Wir Piraten teilen ein Werteverständnis, das sehen viele Leute nicht. Es geht gar nicht darum, dass wir kein Programm haben. Bei der CDU liest auch keiner die dicken Programme. Man weiß aber, wofür die ungefähr stehen. Bei den Piraten weiß man das noch nicht.

Was können die Piraten besser als die anderen Parteien?
Wir setzen auf eine große egalitäre Freiheit, in der sich jeder maximal entfalten kann. Wir wollen nicht ins Elitäre abkippen - wie das die FDP praktiziert. Wir achten auf die Mündigkeit der Bürger. Transparenz ist für uns nicht deshalb wichtig, weil wir überall Korruption oder Misstrauen wittern, sondern damit der Bürger mitwirken kann.

Geht bei Ihnen im Landesverband alles transparent zu?
Wir versuchen unser Bestes. Wir haben jetzt unsere Landesvorstandssitzungen jeden Mittwoch öffentlich im Mumble. Das ist eine Art Internet-Telefon-Konferenz, da kann jeder zuhören und mitreden. Wir setzen technische Mittel ein, um viele Meinungen reinzuholen. Weil das aber zwischen den einzelnen Kreisverbänden nicht immer gut funktioniert, machen wir jetzt auch öfter reale Treffen. Der Vorstand gibt nichts vor, ist aber quasi verpflichtet, seine Mitglieder zu motivieren, dass sie sich maximal einbringen.

Motivation ist gerade jetzt wichtig, die Umfragen liegen bei fünf Prozent.
Es ist schon gut für uns, wieder auf dem Boden der Realität anzukommen. Mit zu guten Umfragewerten macht man viele Fehler und strengt sich nicht mehr genug an. Ich bin zufrieden, welche Entwicklung wir dieses Jahr genommen haben. Wir haben in Sachsen 900 Mitglieder, die sind im Schnitt 31 Jahre alt.

Und haben Großes vor.
Wir wollen natürlich in den Bundestag, den Landtag, das Europaparlament und in den Stadtrat von Dresden und Leipzig. Im Moment hat die Bundestagswahl Vorrang. Nächsten Januar fangen wir an, ein Programm für die Landtagswahl zu erarbeiten.

In Sachsen regiert seit 20 Jahren die CDU. Die Grünen sind nie wirklich aus den Großstädten rausgekommen. Wie wollen Sie das schaffen?
Durch Werte wie Dezentralität. Das haben wir abgeleitet aus der Struktur des Internets. Da gibt es keinen zentralen Server, da gibt es nur Knotenpunkte. Aber die ma-chen es stabiler. Wir müssen in der Fläche präsent sein. Wir haben schon neun Kreisverbände, am 8. Dezember wird der nächste in Meißen gegründet. Dann kommt im Februar ein Regionalverband Nordsachsen und Leipzig Land, dann fehlt noch ein Kreis - den schaffen wir auch noch bis zur Bundestagswahl.

Was läuft so verkehrt im Land, dass die Piraten genau jetzt entern/"ändern" wollen?
Die Zustände in der Bildungspolitik in Sachsen sind katastrophal. Der Lehrerstellenmangel, die Abschaffung der verfassten Studierendenschaften. Auf der prozessualen Ebene gibt es viel zu optimieren.

Wir haben viel zu hohe Hürden für Bürgerentscheide. Im Parlament hat sich eine Kultur etabliert, in der Regierung alles ablehnt, was von der Opposition kommt und umgekehrt. Dieses binäre Denken ist nicht mehr zeitgemäß. Wir wollen mehr Unberechenbarkeit reinbringen.

Wenn Sie 2014 mit sieben Prozent komfortabel in den Landtag einziehen würde. . .
. . . dann würden wir versuchen, unser Programm umzusetzen. Und falls die CDU unsere Programmpunkte übernimmt, was ich noch nicht glaube, aber dann würden wir dem auch zustimmen. Koalitionsdenken ist was Schwieriges. In meinen Augen ist das nicht so relevant. Wir treten an, um Gesetze zu machen. Das heißt nicht, Regierung sein.

Gesetze machen - das geht aber schon deutlich besser, wenn man regiert.
Ja, aber das wäre ja wieder nur eine reine Machtpolitik.

Mit Florian-André Unterburger sprach Christine Keilholz