Es waren, nicht nur für die polnische kommunistische Regierung mitten im Kalten Krieg, unerhörte Worte: "Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung." Der Kernsatz des Versöhnungsbriefes der polnischen katholischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder vom 18. November 1965 gilt 50 Jahre später als einer der Schlüsselmomente deutsch-polnischer Aussöhnung.

Monatelang hatten deutsche und polnische Bischöfe im Zweiten Vatikanischen Konzil im gleichen Raum gesessen. Das Schreiben der polnischen Bischöfe war nun ein erster Schritt auf den einstigen Kriegsgegner zu, auf das Land, das Polen am 1. September 1939 überfallen und einem brutalen Besatzungsterror unterworfen hatte.

Unter den Unterzeichnern war Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II. Doch als Autor des Versöhnungsbriefs gilt vor allem Boleslaw Kominek, der Bischof von Breslau (Wroclaw) - jener Stadt, die wie kaum eine andere für die Kriegsschicksale von Deutschen und Polen steht.

"Man muss den Brief als Akt ungeheuren Mutes ansehen", sagt der Historiker Krzysztof Ruchniewicz, Direktor des Willy Brandt-Instituts für Deutschland- und Europastudien in Breslau. "Von der Bedeutung und dem Gewicht dieses Schrittes für den deutsch-polnischen Versöhnungsprozess konnten wir uns erst Jahre später überzeugen."

Denn nicht nur die kommunistische Führung, auch große Teile der polnischen Gesellschaft nahmen den Text, ganz besonders die Bitte um Vergebung, mit Verwunderung und Unverständnis auf.

"Seit dem Ende des Krieges waren erst 20 Jahre vergangen, die Nazi-Besatzung war eine noch unverheilte Wunde", erinnert Ruchniewicz an den damaligen Zeitgeist. "Nicht nur unter Einfluss der Regierungspropaganda wurde gefragt, mit welchem Recht das Episkopat in unserem Namen sprechen kann? Wofür sollen wir uns beim Volk der Verbrecher entschuldigen?"

Die Reaktion der deutschen Bischöfe löste in Polen Enttäuschung aus, war darin doch mit Blick auf die deutschen Vertriebenen vom "Recht auf Heimat" die Rede. Ohnehin war die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze noch lange nach dem Versöhnungsbrief der polnischen Bischöfe ein hoch sensibles Thema. Dennoch: Ein erster Schritt zum Dialog war gemacht. Wenige Jahre später sorgte Willy Brandts Ostpolitik für weitere Annäherung.

Als nach dem Fall der Berliner Mauer die Gespräche für die deutsche Wiedervereinigung geführt wurden, war die endgültige Anerkennung der polnischen Westgrenze der entscheidende Punkt für die von Tadeusz Mazowiecki geführte, erste nichtkommunistische Regierung in Polen. Der vor 25 Jahren am 14. November 1990 geschlossene deutsch-polnische Grenzvertrag schuf endlich die von Polen so lange erhoffte Rechtssicherheit, die über Gewaltverzicht und de facto-Anerkennung hinausging.

Die Generation der jungen Polen und Deutschen, die seitdem ohne Mauer und Teilung, ohne die Rhetorik des Kalten Krieges aufgewachsen ist, kann nach Ansicht von Ruchniewicz mit den symbolischen Gesten der Bischöfe nicht mehr allzu viel anfangen: "Für sie ist gute deutsch-polnische Nachbarschaft etwas Normales, ganz Offensichtliches", sagt er. "Wir sollten aber die jungen Leute in Deutschland und Polen daran erinnern, dass der Weg zu dieser Normalität nicht offensichtlich war, dass viele Menschen gewaltige Anstrengungen unternehmen mussten."

Auf der Breslauer Dominsel, nicht weit von der Universität, an der Ruchniewicz lehrt, steht ein Denkmal von Kardinal Boleslaw Kominek, der als erster polnischer Erzbischof Breslaus das geistliche Oberhaupt der wenigen in der niederschlesischen Stadt verbliebenen Deutschen wie auch der aus der heutigen Westukraine zwangsumgesiedelten katholischen Polen war. Zu Füßen der Figur mit einer Friedenstaube in der Hand stehen im Sockel des Denkmals in deutscher und polnischer Sprache die wohl berühmtesten Worte des schlesischen Bischofs: "Wir vergeben und bitten um Vergebung."

Breslau (Wroclaw) erinnert mit einer Filmreihe, einem Konzert und einem Theaterstück an das Ereignis. Die Schau "Pojednanie/Versöhnung in progress" wurde am Mittwoch zeitgleich in Breslau und in Berlin eröffnet.