Die Unzufriedenen haben sich wieder am Real-Markt postiert. Da ist auch wieder die Frau mit dem hellblonden Igelschnitt. Sie blickt mit Kopfschütteln auf die Journalisten, die vor der abgesperrten Notunterkunft auf die Bundeskanzlerin warten. Sobald sich was bewegt, ruft sie "Volksverräter!", und feixt zu ihren Kumpels rüber.

Hunderte stehen diesmal am Real, mitten in der Woche, mitten am Tag. Als der Wagen der Kanzlerin um 12.10 Uhr auf das Gelände des alten Praktiker-Baumarkts einbiegt, pfeifen und buhen sie. Sie rufen "Volksverräter" und "Lügenpresse".

Der Rentner, der vor der Polizeiabsperrung zuschaut, hört die Rufe und schüttelt angewidert den Kopf. "Gucken Sie sich das an", sagt er, "das ist ein Niveau."

Aber das ruhige, besonnene Heidenau ist heute in der Unterzahl. Eine Rentnerin ist immer noch entsetzt: "Bei uns haben sich eindeutig die Nazis gesammelt", sagt sie, "und brave Bürger mischen sich dazwischen." Der Schock vom Freitagabend sitzt noch tief bei ihr. Da sah sie "gute Gartenfreunde, die immer hilfsbereit sind" mit der rechtsextremen NPD durch die Straßen marschieren. "Unerträglich" sei das. Sie hätte vielleicht nicht, wie der Bundeswirtschaftsminister, "das Wort Pack gebraucht, weil ja doch viele normale Leute dazwischen waren". Aber ganz falsch hätte Gabriel nicht gelegen.

Angela Merkel sagt es anders: "Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde anderer Menschen infrage stellen." Das, was sich drei Nächte in Folge in Heidenau abgespielt hat, sei "beschämend und abstoßend", so die Kanzlerin: "Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die nicht bereit sind, zu helfen, wo rechtlich und menschlich Hilfe geboten ist."

Auch die Rechtsradikalen nutzen die Bühne, die Merkels Besuch bietet. Sie fahren im Autokorso die Bundesstraße vor der Notunterkunft auf und ab. Tiefergelegte Golfs, ältere Mercedes-Jahrgänge, Scheiben runter, Sonnenbrille auf, Musik laut und Hupen an. Kennzeichen Pirna, Dippoldiswalde und Freital - die hübschen Städtchen in der Sächsischen Schweiz, einem zentralen Rekrutierungsgebiet der gewaltbereiten Rechtsextremen. Auch Heidenau ist eigentlich ein schöner Ort zum Leben. Geschmackvoll sanierte Gründerzeithäuser, viel Grün. Viele der 16 000 Einwohner arbeiten im nahen Dresden. "Wir sind das Volk!", schreien sie oben am Real. Manche schreien auch: "Wir sind das Pack!"

Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU) ist peinlich berührt: "Einige sind leider sehr wenig daran interessiert, ihr eigenes Denken und Handeln angesichts des Elends auf der Welt zu überprüfen", sagt er hinterher, als die Kanzlerin wieder abgefahren ist, nachdem ihr noch einer aus der Menge "Verpiss Dich!" hinterhergerufen hat.

Auch eine Debatte über wehrhafte Demokratie haben die Ausschreitungen von Heidenau ausgelöst. Noch immer ist nicht klar, warum die Polizei am Freitagabend, trotz massiver Mobilmachung aus der extremen Rechten, nur mit 136 Polizisten vor Ort war. "Für die Einsatzverteilung ist die Polizei zuständig", sagt Innenminister Markus Ulbig (CDU), aber jetzt werde man Wachpolizisten zum Schutz von Asylbewerberheimen einsetzen.