Wut und Trauer stehen in den Gesichtern. Wo sich eben noch Frauen weinend und klagend in den Armen lagen, sind wenig später Parolen zu hören. Die eilig zusammengekommenen Menschen beklagen am Donnerstag in Paris drei tote Frauen. Die kurdischen Aktivistinnen, darunter Sakine Cansiz, eine prominente Mitbegründerin der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK, wurden erschossen.

Noch sind die Hintergründe des Verbrechens völlig offen, doch die Tat mutet wie eine Hinrichtung an. In Gedanken sind die Menschen auf der Rue Lafayette bei den Opfern, wollen es nicht glauben. Sie skandieren: "Sie sind nicht tot!" Um den Gare du Nord gehört das zehnte Arrondissement zu den härteren Bezirken von Paris. Von diesem Bahnhof aus wollte Sakine Cansiz angeblich am Mittwoch nach Deutschland fahren.

Vielleicht kam das prominente PKK-Mitglied deswegen ins Kurdistan Informationszentrum. Die Räume im ersten Stock des Hauses mit der Nummer 147 in der Rue Lafayette sind keine 200 Meter vom Gare du Nord entfernt.

Zwischen einem Handyshop und einem Lebensmittelgeschäft wird die große Eingangstür des Gebäudes von Polizisten bewacht. Genaues wissen die Demonstranten nicht. Aber das scheint auch nicht wichtig für sie. Sie sind Kurden. "Wir sind alle PKK!", rufen sie trotzig. Zwischen den zahlreichen Sicherheitskräften und Demonstranten haben die Kurden einen eigenen Ordnungsdienst mit Warnwesten platziert. Die Organisation funktioniert wie eine eingeschworene Gemeinschaft: Sofort sind PKK-Fahnen da, Porträts des Kurdenführers Abdullah Öcalan wehen über den Köpfen.

Die Feyka, ein Verband kurdischer Organisationen in Frankreich, informiert Passanten per Flugblatt über die "Exekutionen im Herzen von Paris". Einige Demonstranten tragen rasch produzierte Aufkleber mit Porträts der drei Getöteten. Als die Leichen der drei Frauen aus dem Gebäude getragen werden, kommt es zu kleinen Handgreiflichkeiten mit Polizisten. Auf einem der improvisierten Banner ist das Wort "Rache" zu erkennen. Dabei sind die Hintergründe zunächst unklar.

Erst vor wenigen Tagen haben die Türkei und kurdische Politiker bestätigt, dass es neue Friedensgespräche zwischen dem türkischen Geheimdienst MIT und dem inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan gibt. Sie werden auf der im Marmarameer gelegenen Gefängnisinsel Imrali geführt. Die türkische Regierung will erreichen, dass die PKK die Waffen niederlegt und führende PKK-Kader die Türkei verlassen. Als Ziele werden in Medien seit Tagen europäische Länder gehandelt. Sofort begannen Schuldzuweisungen. Kurdenvertreter machen dunkle, nationalistische Mächte im türkischen Staatsapparat für den Anschlag verantwortlich. Die Kurdenpartei BDP rief zu Protesten auf. Dagegen vermutete Hüseyin Celik, Sprecher der Regierungspartei AKP, dass interner Streit zwischen PKK-Gruppen der Grund für die Tat sein könnte.