Frau Dr. Bergmann-Pohl, alle fünf Jahre wird gefeiert. Jetzt begehen wir 20 Jahre deutsche Einheit – für Sie Last oder Lust?

Lust und Last zugleich. Last, weil sich jedesmal die Medien auf einen stürzen. Das wird manchmal ein bisschen zu viel. Und Lust, weil mich gerade am 20. Jahrestag der Volkskammerwahl sehr überrascht hat, wie groß das öffentliche Interesse ist. Mir ist dieses Jubiläum so besonders wichtig, weil ich immer wieder feststelle, dass gerade in den alten Bundesländern viele Menschen nicht wissen, dass die Volkskammer durch ihren Beschluss des Beitritts der DDR zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die Wiedervereinigung ermöglicht hat. Und dass dies im Palast der Republik beschlossen wurde.

Was hat Sie, eine Ärztin, dazu gebracht, Knall auf Fall ein politisches Amt zu übernehmen?

Ich habe in den 80er-Jahren voller Spannung die Veränderungen in der Sowjetunion – Glasnost und Perestroika – verfolgt. Damals hoffte ich so sehr, dass sich bald auch einiges in der DDR ändern würde. Dass die Staatsführung starr blieb, hat mich zutiefst enttäuscht – zumal ich merkte, dass sich die Verhältnisse im Gesundheitswesen immer mehr verschlechterten, Medikamente knapp wurden. Deshalb wollte ich politische Veränderungen. Als dann diese revolutionäre Stimmung aufkam und die Mauer fiel, zog mich die Politik immer mehr in ihren Bann. Aber meinen Beruf wollte ich nicht aufgeben.

Warum taten Sie es dann doch?

Vor allem Mitglieder der Westberliner CDU haben mich überredet, für die Volkskammer zu kandidieren. Ich war damals zudem noch der Illusion erlegen, dass ich beides machen könnte, Politik und Sprechstunden halten. Aber nach meinem Amtsantritt war ich nicht einmal mehr in der Lage, meinen Schreibtisch auszuräumen. Das hat meine Sekretärin gemacht, die ich als Vertraute ins Volkskammerbüro holte.

Was waren die größten Veränderungen in Ihrem Leben?

Ich wurde rund um die Uhr bewacht. Das war sehr gewöhnungsbedürftig – aber offenbar notwendig, weil es auch Morddrohungen gab. Manchmal hatte ich Angst, weniger um mich, als um meine Familie. Eine Umstellung war es auch, dass mein Mann neben seinem Beruf plötzlich allein für Haushalt und Kinder zuständig war.

Hatten Sie Sorge, dass Sie Ihre Aufgabe überfordern könnte?

Ja, denn die Erwartungshaltung war riesig. Man gab uns nicht 100 Tage Zeit, wie es heute bei neuen Regierungen üblich ist. Es wurde vom ersten Tag an perfektes Handeln gefordert. Das war aber gar nicht möglich. Wir planten oft die ganze Nacht für den nächsten Tag, und dann wurde alles anders. Wir hatten eine Volkskammer-Geschäftsordnung, die viel zuließ.

In einer der ersten Sitzungen wirkten Sie sehr unglücklich . . .

Es war die zweite. Anders als am Vorabend besprochen, wollte Lothar de Maiziére nicht mehr auf die Verfassung der DDR schwören. Es brach Chaos aus, alle schrien durcheinander – und die Mikrofone waren angeschaltet. Ich unterbrach die Sitzung und war fast so weit, zurückzutreten. Aber wir haben es dann doch geschafft, fraktionsübergreifend einen Text zu entwerfen, der tragfähig war.

Sie waren – aufgrund einer Verfassungsänderung – auch Staatsoberhaupt und mussten in Erich Honeckers Arbeitszimmer einziehen. Wie war das?

Ich habe mich nicht an seinen Schreibtisch gesetzt. Es gab in diesem Zimmer am vorderen Ende einen ovalen Tisch, an dem ich gearbeitet und auch Staatsgäste empfangen habe.

Warum sind Sie später nicht in Ihren Beruf zurückgekehrt?

Ich hatte das Gefühl, dass wir zwar formal die Wiedervereinigung beschlossen hatten, aber im Inneren längst nicht wieder vereint waren. Und ich glaubte, indem ich in der Politik bliebe, könnte ich ein Stück DDR-Leben einbringen – als Stimme des Ostens. Aber das hat sich bald als ungeheuer schwer erwiesen.

Weshalb war das so?

Weil die Vorbehalte gegenüber unserem Leben in 40 Jahren Diktatur in den alten Ländern – sowohl in der Bevölkerung als auch bei Beamten und Politikern – sehr groß waren. An unseren Erfahrungen war kaum jemand interessiert. Ein Beispiel: Ich entsinne mich, dass wir von Kolleginnen und Kollegen aus der CDU/CSU-Fraktion aus dem Westen als Rabenmütter beschimpft wurden, weil wir unsere Kinder in Krippen gegeben haben. Heute wetteifern CDU und SPD, wer die besten Vorschläge hat, wie Mütter Kinder und Beruf vereinen können. Diese Entwicklung ist gut. Aber wir hätten vielleicht schon früher eine offene Diskussion über die Teilhabe von Müttern am Berufsleben führen können, wenn man unsere Erfahrungen besser wahrgenommen hätte.

Sie waren nach der Wiedervereinigung Ministerin für besondere Aufgaben, dann acht Jahre Staatssekretärin im Gesundheitsministerium und bis 2002 Bundestagsabgeordnete. Angela Merkel startete als Frauenministerin, heute ist sie Bundeskanzlerin. Hätten Sie sich auch so eine Karriere gewünscht?

Überhaupt nicht. Ich bin von meinem Wesen her nicht geeignet, jederzeit in der Öffentlichkeit zu stehen und in den Medien bewertet zu werden – das hätte mich zu sehr mitgenommen. In der zweiten Reihe zu stehen, meine Arbeit gut zu erledigen und meine Kenntnisse als Medizinerin einzubringen, hat mir mehr Spaß gemacht.

Wie erledigt Angela Merkel ihren Job?

Sie hat sich unglaublich entwickelt, besitzt die nötige Intelligenz und genügend Durchsetzungsvermögen, um ihre Aufgaben zu meistern. Ich bin stolz auf sie, und das können die Ostdeutschen insgesamt sein, dass eine von ihnen die erste Bundeskanzlerin Deutschlands ist.

Wie bewerten Sie Umfragen, die besagen, dass es immer noch viele Vorbehalte zwischen Ost und West gibt?

Das erlebe ich auch. Ich halte viele Vorträge über das Zusammenwachsen in den vergangenen 20 Jahren, vor allem in den alten Ländern. Dabei stelle ich fest, dass die Kenntnisse über das Leben der Menschen in den neuen Bundesländern oft noch unterentwickelt sind.

Woran machen Sie das fest?

Es wird zu wenig gewürdigt, welche Leistungen die Ostdeutschen nach 1990 vollbracht haben, als sie sich in einem völlig neuen rechtlichen und staatlichen Rahmen zurechtfinden mussten. Ich ärgere mich aber auch über Ostdeutsche, die aus Enttäuschung über unerfüllte Hoffnungen die Einheit infrage stellen. Etwas Besseres konnte uns nicht passieren. Unsere Kinder und Enkel haben so große Chancen erhalten, sich zu entwickeln und in der ganzen Welt arbeiten zu können. Das ist für sie heute eine Frage des eigenen Mutes und Engagements.

Nach den Politiker-Jahren hätten Sie kürzertreten können. Stattdessen engagieren Sie sich seit 2003 beim Berliner Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes. Dort sind sie wieder Präsidentin. . .

Und nicht nur dort. Ich bin auch Vizepräsidentin des Internationalen Bundes, eines bundesweiten Jugend-, Bildungs- und Sozialwerks. Das Deutsche Rote Kreuz in Berlin war für mich eine Herausforderung, weil der Landesverband seinerzeit insolvent war. Ich hatte das Gefühl, hier kann ich noch einmal etwas voranbringen. Und dank der Hilfe vieler engagierter Mitarbeiter und eines hoch motivierten Geschäftsführers stehen wir heute wieder super da und sind in Berlin sehr anerkannt. Darauf bin ich stolz. Also, nur zu Hause sein und im Garten zu arbeiten, das wäre mir auf Dauer wahrscheinlich zu langweilig.