Die Spuren der Gewaltexzesse sind auch Monate nach den Winterprotesten auf dem Maidan in Kiew nicht zu übersehen. Das Pflaster des Unabhängigkeitsplatzes der ukrainischen Hauptstadt ist mancherorts noch aufgerissen. Grablichter erinnern an die mehr als 100 getöteten Regierungsgegner. Im Wahllokal 583 am Olginski Boulevard gibt der Jurist Iwan gerade seine Stimme ab. Er hofft wie viele seiner Landsleute, dass die Wahl den Westkurs des krisengeschüttelten Landes bestätigt.

"Die Ukrainer sollten nicht vergessen, warum das alles begonnen hat", sagt der 53-Jährige - für eine Annäherung an die EU. Auch die Fassade der Hauptpost am Maidan trägt noch Spuren der Proteste. "Wir nehmen Kurs auf Brüssel", steht groß an einer Säule.

Wer proeuropäisch wählt, verspricht sich davon etwa ein Ende der Korruption, den Aufbau eines Rechtsstaats sowie ein funktionierendes Gesundheitswesen und überhaupt ein besseres Leben. Derzeit beträgt der Durchschnittslohn in der Ex-Sowjetrepublik umgerechnet 200 Euro.

Die schwere Krise in Europas zweitgrößtem Flächenstaat entzündete sich vor fast einem Jahr. Im November weigerte sich der später nach Russland geflüchtete Präsident Viktor Janukowitsch, ein Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterschreiben. Es kam zu blutigen Straßenprotesten. Janukowitschs Nachfolger Petro Poroschenko unterzeichnete das Dokument und will sich nun mit der Parlamentswahl eine eigene Machtbasis schaffen sowie ein starkes Mandat für seine proeuropäische Politik sichern. Sein Petro-Poroschenko-Bündnis gilt als Favorit der Abstimmung.

Der Erwartungsdruck an die Politik ist acht Monate nach dem Machtwechsel groß. Poroschenko müsse endlich die wuchernde Schmiergeldkultur eindämmen und die Macht der Oligarchen beschränken, ist in Kiew immer wieder zu hören. Viele Wähler beklagen, dass hinter den Parteien Wirtschaftsbosse stehen, die sich auch über eigene Fernsehsender Einfluss sichern. Bei Weitem nicht alle trauen dem durch Süßwarengeschäfte zu Reichtum gekommenen Poroschenko den nötigen Reformwillen zu.

Wie weit die Ukraine von Normalität entfernt ist, zeigt Poroschenko am Wahltag selbst. In der ostukrainischen Stadt Kramatorsk macht er sich in militärischer Uniform ein Bild vom Verlauf der Abstimmung. Das Foto vom Präsidenten im Tarnfleck im Wahllokal wirkt wie ein Sinnbild der instabilen Lage in der Ex-Sowjetrepublik. In ihrem Kampf gegen prorussische Separatisten eroberte die Armee Anfang Juli Kramatorsk zurück.

Aber große Teile im Osten werden weiter von Aufständischen kontrolliert. Sie nehmen nicht an der Wahl teil, auch auf der Halbinsel Krim wird nicht abgestimmt.

Der Kampf gegen die von Moskau unterstützten Separatisten zehrt die Ukraine weiter aus. Die Parlamentswahl gilt daher auch als Abstimmung zwischen dem Kriegslager und den Friedensbefürwortern. Poroschenko strebt eine politische Lösung des Konflikts an. Dagegen setzt der Politiker Oleg Ljaschko von der Radikalen Partei, die in Umfragen zuletzt auf dem zweiten Platz lag, auf eine militärische Lösung. Mehr als 3600 Menschen sind seit April bei den Kämpfen gestorben.

Das Wichtigste sei ein Ende des Blutvergießens, meint die Rentnerin Ljudmila: "Unsere Söhne sterben an der Front, das ist tragisch." Die 74-Jährige hat für den Poroschenko-Block gestimmt.

Seit September herrscht eine brüchige Waffenruhe. Regierung und Separatisten führen Gespräche über eine Zukunft der Ost ukraine. Doch auch nach der Wahl geht der Kampf für Poroschenko an vielen Fronten weiter. Eine davon ist der ungelöste Gaskonflikt mit Russland. Die Rohstoffmacht liefert schon seit Juni kein Gas mehr an die Ukraine, weil das fast bankrotte Land seine Milliardenschulden nicht bezahlt. Viele Krankenhäuser, Schulen, Wohnungen und fast alle Wahllokale sind auch am Wahltag bei Temperaturen um den Gefrierpunkt eiskalt.

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Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko hat die vorgezogene Parlamentswahl in der Ukraine als "Schlüsselelement" auf dem Weg aus der schweren Krise bezeichnet. "Diese Wahlen sind eine Zeitenwende. Ich bin überzeugt, dass im künftigen Parlament Abgeordnete sitzen werden, die die wirklichen Interessen des Landes vertreten", sagte Klitschko am Sonntag bei der Stimmabgabe in Kiew. Der Ex-Boxchampion bekräftigte, dass er nach der Wahl nicht in die Oberste Rada wechseln werde. "