Herr Kirsch, wie steht Ihr Verband zu einem verstärkten Engagement der Bundeswehr im Süden Afghanistans„
Das Isaf-Mandat zur Absicherung des Wiederaufbaus gestattet es der Bundeswehr schon jetzt, Ausbilder in den Süden zu schicken. Allerdings muss es dafür unabweisbare Gründe geben. Diese Gründe sind nicht vorhanden. Deshalb hat der Bundesverteidigungsminister einen solchen Schritt abgelehnt. Und er hat darin unsere volle Unterstützung.

Sie waren kürzlich selbst in Afghanistan. Welchen Eindruck haben Sie gewonnen“
Mein Eindruck ist, dass Deutschland dem Wiederaufbau in Afghanistan am besten nützt, wenn es weiterhin eine möglichst neutrale Position einnimmt. Würde die Bundeswehr Ausbilder in den Süden schicken, wäre das nicht mehr der Fall. Vielmehr wären unsere Soldaten dann voll in alle Kampfhandlungen eingebunden.

Lässt sich das Territorium Afghanistans sicherheitspolitisch noch differenzieren„
Zweifellos ist die Sicherheitslage überall in Afghanistan hoch angespannt. Das hat auch das Attentat in Kabul wieder gezeigt. Aber im Vergleich zum Süden haben wir es im Norden mit einer relativ gefestigten Situation zu tun. Warum sollten wir das aufs Spiel setzen“

Im Herbst wird der Bundestag über eine Verlängerung der insgesamt drei Mandate für die Bundeswehrmission abstimmen. Dabei sollen die Isaf-Mission und der Einsatz von Aufklärungs-Tornados miteinander verschmelzen. Können Sie die Kritik der Opposition daran nachvollziehen„
Nein. Die Zusammenfassung beider Mandate ist absolut sinnvoll. Wenn ein und dasselbe Einsatzgeschwader über Transportkräfte und Tornados verfügt, dann gehört das auch logistisch zusammen.

Das dritte Mandat, die Anti-Terror-Mission Operation En during Freedom (OEF) ist politisch besonders umstritten. Soll sich Deutschland weiter daran beteiligen“
Wir können dieses Mandat nicht einfach aufkündigen. In der ganzen Diskussion wird oft vergessen, dass es sich dabei um die Ausrufung des Nato-Bündnisfalls nach dem 11. September 2001 handelt. Ein Ausstieg Deutschlands aus diesem Bündnisfall käme einer Aufkündigung der Bündnissolidarität gleich. Übrigens: Wer das Schiff verlässt, hat auch keine Chance, den Kurs mitzubestimmen, also Einfluss auf den Verlauf der Mission zu nehmen.

Über das OEF-Mandat will die Große Koalition erst im November abstimmen lassen. Die FDP sieht darin eine unnötige Gefährdung von Deutschen, weil Terroristen zu Attentaten ermutigt würden. Brauchen wir rasch Klarheit?
Einerseits kann ich verstehen, dass die SPD über das Mandat auf ihrem für Ende Oktober geplanten Parteitag diskutieren will. Aber je länger Deutschland in dieser Frage zögert, desto länger stehen wir in Afghanistan zusätzlich unter Druck. Insofern brauchen wir rasch Klarheit.

Mit ULRICH KIRSCH
sprach Stefan Vetter