Für den sechsjährigen Ibrahim scheint das Leben ein Spiel zu sein - ein Ballspiel. Er rast in seinem schwarz-weißen Deutschlandt-Trikot einem weißen Fußball hinterher. Den Ball hält er fest im Blick, alles andere scheint er nicht wahrzunehmen. Um ihn herum in der Turnhalle der Weidenhof-Grundschule in Potsdam laufen andere Kinder herum und wärmen sich auf. Einige Schüler haben sich Bälle geholt, andere spielen Fangen. Man hört laute Rufe und Lachen.

Ein Spiel war Ibrahims Leben früher nicht: Vor eineinhalb Jahren ist er mit seinen Eltern und drei Geschwistern als Bürgerkriegsflüchtling aus Syrien in die Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt gekommen. Jetzt ist er eines von rund 2600 Flüchtlingskindern in Brandenburg, die in Unterkünfte in den Kommunen umgezogen sind. Und genau wie andere Kinder sind sie ab sechs Jahren schulpflichtig.

Von den knapp 300 Schülern der Weidenhof-Grundschule haben fast die Hälfte einen Migrationshintergrund. 28 Nationen seien hier vertreten, erzählt die Schulleiterin Ute Goldberg. Die Flüchtlingskinder kämen meist mitten im Schuljahr an die Schule und erhielten als erstes eine Grundausstattung aus Schulmappe, Federtasche, Sportbeutel und T-Shirt, damit es sofort losgehen könne. Die fehlenden Deutschkenntnisse von Schülern und Eltern seien das größte Problem.

Damit alle Kinder wissen, um was es geht, benutzen die Lehrer im Unterricht Zeichensprache. Beim Staffellauf ruft die Sportlehrerin nicht „Auf die Plätze, fertig, los“, wie sie es in anderen Schulklassen machen würde. Stattdessen gibt sie das Startzeichen mit erhobenem Daumen. Für jedes der 65 Flüchtlingskinder mit Förderbedarf steht der Schule eine Stunde Deutsch-Unterricht zu.

Ein Problem sei aber, dass die Lehrer der Schule neben der normalen Arbeit die Stunden kaum voll belegen könnten und dass es zu wenig ausgebildete Kräfte für Deutsch als Zweitsprache gebe, erklärt Goldberg. Sie selbst nimmt zusammen mit anderen Lehrern in Brandenburg an einer Fortbildung teil, die allerdings erst im Sommer abgeschlossen sein wird. Alfred Roos, Leiter der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Brandenburg bestätigt das Bild. Es müssten Lehrkräfte nachqualifiziert werden.

Viele Kinder müssten zudem psychologisch betreut werden, was an der Schule nicht möglich sei. Die Sozialarbeiterin gebe schon ihr Bestes, aber um Erlebnisse aus Krisengebieten verarbeiten zu können, bräuchten die Kinder mehr Unterstützung. Wie etwa das Kind aus Syrien, dessen Onkel neben ihm erschossen wurde, oder der junge Lampedusa-Flüchtling, der mehrere Familienmitglieder im Mittelmeer verloren hat. Goldberg: „Da kriegen Sie eine Gänsehaut, wenn die Kinder erzählen, was die erlebt haben.“

Die Lehrer spüren im Alltag, wie belastet die Kinder sind. Ein Junge aus Albanien etwa hatte so viel Angst, dass er sich in der ersten Woche jeden Morgen übergeben musste. In solchen Situationen immer richtig zu reagieren, sei eine Herausforderung für Lehrer, sagt Ute Goldberg. „Ich habe aber das Glück, dass ich sehr viele erfahrene Lehrer hier habe, die mit ihrer Erfahrung unheimlich unterstützen können.“

Auch die Landesregierung versucht zu helfen: In den Osterferien sollen zwei Förderräume mit Spielzeug für die Flüchtlingskinder eingerichtet werden. Außerdem ist eine Willkommensklasse geplant, für die voraussichtlich eine zusätzliche Lehrerin angestellt wird. Dort sollen die Kinder bis zu einem Jahr aufgenommen werden, bis sie dem Regelunterricht folgen können. Beides sei aber erst auf Drängen der Schulleiter passiert, berichtet die Schulleiterin. „Wir müssen um Hilfe schreien, sonst merkt's keiner.“

Aber auch wenn die Hilfe nur langsam anlaufe - die Kinder selbst gewöhnten sich erstaunlich schnell ein. Wer anfangs noch weinend im Unterricht gesessen habe, renne meist wenig später schon lachend im Sportunterricht mit - so wie Ibrahim.