Herr Gabriel, nach Berechnungen des britischen Ökonomen Nicholas Stern wird die Welt ein Fünftel ihrer Wirtschaftskraft einbüßen, wenn sie weiter ungehemmt Treibhausgase in die Luft bläst. Nehmen Sie die Warnung ernst?
Ja, das ist ein realistisches Szenario. Man muss davon ausgehen, dass die volkswirtschaftlichen Schäden schon bei einer Erderwärmung um 0,7 Grad ständig zunehmen. Dass wir bei einer weiteren Erwärmung massive Wohlstandsverluste hätten und viel zur Beseitigung der Schäden verwenden müssten, liegt auf der Hand.

Haben Sie Hoffnung, dass die Menschheit noch eine Klima-Katastrophe verhindern kann?
Ja, es gibt ein gutes Beispiel dafür, dass Umsteuern möglich ist - beim Ozonloch. Mit dem Abkommen von Montreal hat es die Staatengemeinschaft geschafft, die FCKW aus den Kühlmitteln zu verbannen, sodass sich das Ozonloch in den nächsten Jahrzehnten schließen wird.

Zurzeit tagt die Klimakonferenz in Nairobi. Woran messen Sie ihren Erfolg?
Man sollte die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Die Konferenz ist ein Zwischenschritt im Kyoto-Prozess nach 2012. Ein wichtiges Thema wird die Hilfe für die Entwicklungsländer sein, die unter dem Klimawandel am meisten zu leiden haben, obwohl sie am wenigsten dazu beitragen. Wenn wir über Klimaschutz reden, argwöhnen die Entwicklungsländer, der Westen wolle sie am Wachstum hindern, um unliebsame Wettbewerber los zu werden. Genau diese Sorge müssen wir den Entwicklungsländern nehmen. Nur dann werden wir im Klimaschutz weiterkommen.

2007 wird Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen. Was ist beim Klimaschutz geplant?
Gemeinsam mit der EU-Kommission machen wir uns für mehr Energieeffizienz stark. Bis 2020 soll die Effizienz europaweit um 20 Prozent steigen. Dadurch werden 780 Millionen Tonnen CO 2 eingespart. Das ist das Doppelte dessen, was wir im Rahmen des Kyoto-Prozesses einsparen müssen. Zum anderen wird es einen Energie-Aktionsplan geben. Hier geht es um den Ausbau der Biokraftstoffe, der erneuerbaren Energien und der Kraft-Wärme-Kopplung. Unter der deutschen G-8-Präsidentschaft werden wir auch den Schutz der Regenwälder zum Thema machen.

Die Autoindustrie kümmert sich nur unzureichend um sparsame Antriebssysteme. Sehen hier Sanktionsmöglichkeiten?
In den vergangenen Jahren wurde dort eine Menge zur Reduzierung von CO 2 getan, aber nicht genug. Das selbstgesteckte Ziel der Autoindustrie, bis 2008 bei Neuwagen den CO 2 -Ausstoß auf 140 Gramm pro Kilometer zu senken, wird wohl nicht erreicht werden. Deshalb werden wir in der EU über die Einführung von Verbrauchsgrenzen diskutieren müssen.

Können erneuerbare Energien den umstrittenen Atomausstieg kompensieren?
Der Atomausstieg ist Gesetz. Daran wird nicht gerüttelt. Dadurch entsteht auch keine Versorgungslücke. Die Erneuerbaren können bis 2020 rund 20 bis 25 Prozent unseres Strombedarfs abdecken. Den Rest werden wohl oder übel neue Kraftwerke auf Gas- und Kohlebasis übernehmen müssen, aber mit höherem Wirkungsgrad und deutlich geringerem CO2-Ausstoß.

Wie lange sollten Stein- und Braunkohle noch in Deutschland gefördert werden?
Ein Industrieland wie Deutschland ist gut beraten, sich nicht aus der Kohlekraftwerks-Technologie zu verabschieden. Deshalb würde ich bei der Steinkohle auf jeden Fall einen Referenz-Bergbau in Deutschland erhalten. Und auf Braunkohle werden wir auf absehbare Zeit nicht verzichten können. Aber wir müssen sie viel effizienter einsetzen als bisher.

Mit SIGMAR GABRIEL
sprach Stefan Vetter