Herr Tillich, was sagt man denen, die Angst vor einer Überfremdung durch Flüchtlinge haben?
Wir leben in Deutschland und auch in Sachsen in einer Gesellschaft, in der es uns im Vergleich zu denjenigen, die zu uns kommen, viel besser geht. Wir leben einerseits in Freiheit und in Demokratie, und die Arbeitsplatzsituation ist auch eine bessere. Zum Beispiel in den arabischen Ländern gibt es Krieg, Verfolgung und kaum Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. Deshalb kommen die Menschen zu uns und darauf müssen wir in der gesamten Gesellschaft eine Antwort finden. Wir Ostdeutschen haben auch Solidarität erfahren im Herbst 1989 und in den Jahren danach, als wir Arbeit im Westen Deutschlands gesucht haben. Seit 25 Jahren erhalten wir Unterstützung für den Wiederaufbau Ostdeutschlands.

Dennoch scheint viele die Angst umzutreiben. Verstehen sie das?
Es ist eine Herausforderung für die Menschen, die damit konfrontiert werden, dass eine Asylbewerbereinrichtung vor ihrer Haustür neu entsteht. Und dann stellen sich natürlich viele Fragen: Wie lange bleiben die Menschen? Werden sie hier arbeiten? Dürfen sie hier arbeiten? Welche Sozialleistungen des Staates nehmen sie in Anspruch? Das alles aufzuklären und auch so manch einem Gerücht entgegenzutreten, ist Aufgabe der Politik, der des Landes und natürlich auch der Kommunen.

Und was kann man da tun?
Wir müssen deutlich machen, dass Sachsen weltoffen ist. Dass wir die Menschen, die zu Recht zu uns kommen, die zu Recht Asyl erhalten, auch willkommen heißen und dass wir ihnen die Möglichkeit zur Integration in die Gesellschaft geben. Auf der anderen Seite müssen wir aber gegenüber denen, die kein Anrecht auf Asyl haben, so konsequent sein, wie es der Freistaat Sachsen schon in der Vergangenheit war. Diejenigen, deren Antrag auf Asyl abgelehnt wird, müssen Deutschland unverzüglich wieder verlassen. Und die Entscheidung, ob jemand Asyl erhält, muss schneller getroffen werden.

Laut sächsischem Innenministerium sind im Pegida-Umfeld auch Leute aus der rechten und Hooligan-Szene zu finden. Glauben Sie, dass die im Dialog erreichbar sind?
Ich weiß auch, dass es in der Gesellschaft Kräfte gibt, die grundsätzlich alles Fremde ablehnen. Deswegen möchte ich, dass wir versuchen mit denjenigen, die sich nicht ausreichend informiert fühlen, ins Gespräch zu kommen. Warum die Menschen an den Pegida-Veranstaltungen teilnehmen, hat nicht nur etwas mit Asyl zu tun. Es gibt viele Facetten. Deshalb ist es wichtig, mit diesen Menschen in einen Dialog zu kommen. Dialog bedeutet aber, dass beide Seiten zum Gespräch bereit sind und diesen auch unvoreingenommen führen.

Jetzt leben in Sachsen vergleichsweise wenig Ausländer und auch der Anteil der Muslime ist hier geringer als anderswo. Warum bildet sich Pegida ausgerechnet hier?
Sachsen ist keine Insel. Wir haben eine Situation, die in Deutschland und in Europa annähernd die gleiche ist: dass Menschen nach Europa und nach Deutschland kommen. Deshalb müssen wir sowohl in Berlin wie hier in Dresden und in jeder einzelnen Kommune dafür Sorge tragen, dass die Ängste der Menschen ernst genommen werden.