Herr Bruhns, was haben Sie gedacht, als Sie von den Nachrichten aus Berlin gehört haben? Was geht in Eltern in so einem Moment vor, die ihr Kind noch vermissen?
Ich kann nur für mich persönlich sprechen. Ich hatte ein sehr schlimmes Gefühl in der Magengegend. Trotz der Erfahrungen, die wir in unserer Arbeit seit 1997 haben, wird mir schlecht, wenn ich von solchen Fällen erfahre. Für die Eltern, die ein Kind vermissen, bleibt ja immer noch ein Funken Hoffnung. Wenn sie jetzt die Nachrichten hören, fühlen sie besonders mit den Eltern vom Mohamed und Elias.

Mein erster Gedanke als Vater war: Wie kann ich mein Kind vor so einem Verbrechen schützen? Kann ich das überhaupt?
Das ist eine häufig gestellte Frage, gerade nach so einer Tat. Es handelt sich aber um seltene Einzelfälle. Und es gibt keinen hundertprozentigen Schutz, auch wenn es immer wieder Unternehmen gibt, die versuchen, die Angst der Eltern auszunutzen - etwa, in dem sie Handy-Ortungen oder Ähnliches anbieten. Das hätte in den jetzt konkreten Fällen aber auch nicht geholfen. Eltern können ihre Kinder nur zu selbstbewussten und starken Persönlichkeiten erziehen. In Rollenspielen kann man üben, sich in solchen Situationen richtig zu verhalten. Ein lautes "Hau ab" oder eine erhobene Faust kann einen Täter abschrecken, ihn aus der Fassung bringen. Das haben wir aus unserer Erfahrung gelernt. Wir dürfen Angst aber nicht zu einem Faktor der Kindeserziehung machen. Kinder sollten eben auch Kinder sein dürfen.

Wie viele Fälle verschwundener Kinder gibt es denn in Deutschland?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt keine Statistik der Polizei. Es gibt nur quartalsweise Zahlen, die vom Bundeskriminalamt vorgelegt werden. Die beziehen sich aber nur auf den jeweiligen Tag der Veröffentlichung und pendeln zwischen 1800 und 3000 Fällen. Das sind größtenteils Jugendliche. 99 Prozent der Vermisstenfälle klären sich innerhalb von Stunden auf.

Was können Eltern tun, die in die Situation kommen, nicht zu wissen, ob ihr Kind verschwunden ist?
Als Erstes die Polizei anrufen. Ich weiß, dass manche Eltern zögern, keinen falschen Alarm auslösen wollen. Das passiert aber nicht. Die Polizei kann das einschätzen, kann im nötigen Fall aber auch rasch reagieren. Erst im zweiten Schritt sollten Eltern befreundeter Kinder befragt und die Umgebung abgesucht werden.

Was macht Ihre Initiative, um Eltern zu helfen?
Wir betreiben die 116000, die europaweit einheitliche Hotline für vermisste Kinder, in Deutschland. Darüber können wir Beratung und Hilfe im Vermisstenfall bieten und in enger Abstimmung mit der Polizei mediale Kanäle bespielen, um bei der Suche zu helfen.

Wie sieht das konkret aus?
Wir können beispielsweise auf die Informationstafeln in Bahnhöfen Suchanzeigen setzen. Das geht innerhalb einer halben Stunde und wurde etwa auch im Fall Elias gemacht, zunächst in Berlin, später dann auch im weiteren Umland.

Was muss getan werden, um Fälle wie Mohamed oder Elias zu verhindern?
Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Was wir uns wünschen, ist, dass die Polizei noch besser die verschiedenen Kanäle nutzt, um bei der Suche nach Vermissten eine möglichst breite Öffentlichkeit zu erreichen. Wir brauchen jeden, vom Jugendlichen, der auf seinem Handy spielt, bis zum Rentner, der alleine in seiner Wohnung sitzt. Beide könnten etwas gesehen haben. In allen Ländern um uns herum gibt es spezielle Einheiten der Polizei, die Vermisstenfälle bewerten und dann reagieren.

Warum gibt es das in Deutschland nicht?
Die Polizei verweist auf die föderalen Strukturen. Das ist in meinen Augen aber keine Antwort. Wir brauchen eine Lösung. In den Nachbarländern geht es doch auch.

Mit Lars Bruhns

sprach Bodo Baumert

Zum Thema:
Die Initiative Vermisste Kinder ist eine privat finanzierte Organisation. Sie wurde 1997 von Monika Bruhns gegründet. Hintergrund war der Fall Dutroux in Belgien. Ziel war es, eine Ansprechstelle für betroffene Eltern und Familien zu schaffen. Die Telefon-Hotline 116000 dient als Anlaufstelle für Eltern von vermissten Kindern sowie für Ausreißer und ist kostenfrei rund um die Uhr erreichbar.Im Internet bietet die Initiative eine Karte mit Fällen vermisster Kinder und weitere Informationen. www.vermisste-kinder.de