Der Kies auf dem kleinen Platz am Ortsausgang von Hörlitz ist noch rußgeschwärzt. Die Rinde eines Baumes in der Nähe ist verkohlt. Aus dem Kies ragen Reste von Holzpfählen. Vor einer Woche stand hier noch ein Holzhaus, der Dönerstand von Mehmet Alatas. Dann fackelten zwei Jugendliche aus Schipkau mit benzingefüllten Bierflaschen nachts den Stand und damit die Existenz des 48-jährigen Familienvaters ab.
Sie haben nach Auskunft der Staatsanwaltschaft die Tat gestanden und sitzen in Untersuchungshaft. Bevor sie die Molotow-Cocktails gegen das Holzhäuschen schleuderten, sollen sie mit zwei anderen Jugendlichen getrunken und rechte Skin-head-Musik gehört haben. Befragt nach ihrem Motiv sollen sie gesagt haben: „Wir können Ausländer nicht leiden.“

Keine Versicherung
Wenige Stunden vor dem Brandanschlag hätten sie, so wird in Hörlitz erzählt, noch selbst Döner bei Mehmet Alatas gekauft. Der hatte 9000 Euro, seine ganzen Ersparnisse, in den Imbiss gesteckt und jeden Tag zwölf Stunden am Drehspieß gestanden. Sein Verdienst reichte gerade zum Leben. Eine Versicherung für seinen Grill hatte Alatas nicht. Der Imbiss brannte völlig aus.
Siegurd Heinze, Bürgermeister der Großgemeinde Schipkau, zu der Hörlitz gehört, versucht, nichts zu beschönigen. „Das hat mich getroffen, dass es hier bei uns so etwas gibt“ , sagt er, „wir reihen uns jetzt ein in die traurige Berühmtheit anderer Orte.“ Ein Fernsehteam hat sich gerade bei ihm angemeldet. Heinze denkt noch immer an die vier gefüllten Propangasflaschen, die das Feuer überstanden: „Da war komplett der Lack abgebrannt, da hätte sonst was passieren können.“ Ein Holzhandel, ein Autohändler und Wohnhäuser befinden sich neben dem Brandort.
Die Ausländer unter den 8000 Einwohnern seiner Gemeinde kann Bürgermeister Heinze zählen. „Das sind weniger als 20“ , ist er sich sicher. Die meisten sind türkische oder vietnamesische Händler und Imbissbetreiber wie Mehmet Alatas. Der lebt seit einigen Jahren mit seiner zweiten Frau, einer Deutschen, in Hörlitz und verkauft an der Straße nach Schipkau Döner und Fritten. Wenn Kinder oder Jugendliche nicht genug Geld dabei haben, gibt er auch mal Rabatt.
„Kein Mensch hier im Ort hat mit dem ein Problem gehabt“ , schüttelt Bürgermeister Heinze den Kopf, „der war für alle hier der freundliche Döner-Mann.“ Er habe niemandem auf der Tasche gelegen. Auch eine Woche nach dem Brand ist für Heinze der Anschlag noch immer unbegreiflich. Ein rechtsradikales Nest, wie mancher vielleicht jetzt vermute, sei Schipkau jedoch keinesfalls, versichert er. Einzelne „Rechte“ gebe es sicher im Ort, aber keine Szene.

Ein Jugendclub pro Ortsteil
Seine Großgemeinde habe sechs Ortsteile und genau so viele Jugendklubs, in jedem Ort einen. Es gebe Sozialarbeiter, die sich um die Klubs kümmerten, mehrere Sportvereine und eine rührige freiwillige Feuerwehr. Drei Tage vor dem Feuer in Hörlitz war Heinze noch auf einer seiner regelmäßigen Touren durch die Jugendklubs unterwegs, um zu hören, ob es Probleme gibt. „Da gab es keinen Hinweis, keinen Anhaltspunkt, dass so etwas passieren könnte“ , erinnert er sich. Versäumnisse der Gemeinde kann er nicht erkennen: „Ich weiß nicht, was wir hätten anders machen sollen.“
Im Jugendklub von Schipkau, einem einfachen Flachbau hinter dem Bürgerhaus ist am frühen Nachmittag noch wenig Betrieb. Die vermeintlichen Brandstifter, der 18-jährige Lars M. und der 20-jährige Steffen K. gehörten nicht zu den Besuchern. Ein Zwanzigjähriger, der sich am Computer mit einem Kartenspiel beschäftigt, kennt jedoch den Älteren der beiden Inhaftierten.
„Eigentlich war der nicht aggressiv, vielleicht wollte er auf sich aufmerksam machen“ , vermutet der junge Mann. Einen Grund dafür, kann er sich jedoch nicht vorstellen. Steffen K. habe eine Lehrstelle gehabt. Bei der Polizei war dieser bisher aufgefallen, weil er Beamte, die ihn nachts auf der Straße kontrollierten, beschimpft und bedroht haben soll. Die Staatsanwaltschaft hat deshalb Anklage erhoben.
Der Achtzehnjährige, der mit ihm zusammen noch in der Tatnacht in der Nähe des brennenden Dönerstandes festgenommen wurde, scheint auf den ersten Blick gänzlich unauffällig. Was man in Schipkau über ihn erfährt, passt nicht ins Bild eines dumpfen Ausländerhassers: Ein ruhiger Junge aus intakter Familie, wenig Alkohol, nach dem Schulabschluss eine Ausbildungsstelle, mit der er zufrieden war. Seine Eltern sind völlig fassungs- und ratlos und hoffen, ihn bald in der Untersuchungshaft besuchen zu können.
„So was Dämliches, den Dönerstand abzubrennen“ , schimpft Angela Schneider vor sich hin. Die Hörlitzerin hat für Mehmet Alatas Behördengänge erledigt, als er vor drei Jahren seinen Dönerstand aufgemacht hat. Jetzt hilft sie ihm wieder. Doch nicht nur sie. Eine Entsorgungsfirma hat kostenlos den Brandort beräumt. Albert Liesk gehört der Grund und Boden, auf dem Alatas seine Döner verkauft hat und der Holzhandel nebenan, der bei dem Brand leicht hätte mit in Flammen aufgehen können. „Die Miete setze ich aus, bis Mehmet wieder arbeiten kann“ , sagt Liesk, als sei das selbstverständlich. Andere Hörlitzer haben spontan Geld gespendet.

Imbisswagen vom Nachbarn
Eduard Milek und Dimitri Ullrich, zwei Russlanddeutsche, die nebenan einen Kfz-Handel betreiben, haben Mehmet Alatas vorübergehend einen fahrbaren Imbisswagen geliehen, obwohl sie schon einen Käufer dafür haben. Er darf ihn so lange nutzen, bis Albert Liesk eine neue Imbissbude gemauert hat. Eine aus Stein, die nicht so leicht abbrennt.
Die Gemeinde steuert ebenfalls Geld zur Einrichtung eines neuen Dönerstandes bei. Außerdem braucht Mehmet Alatas für seine kommunale Wohnung einen Monat lang keine Miete zu bezahlen. Alatas steht an diesem Nachmittag, die Mütze tief über die Ohren gezogen, neben dem geliehenen Imbißwagen und ist trotz der vielfältigen Hilfe noch immer geschockt. Dann erzählt er von einem Sprichwort aus seiner Heimat. Dort sage man, wenn ein Mann bartlos ist und jeder Nachbar gibt ihm nur eines seiner eigenen Barthaare ab, dann kommt auch bald ein Bart für den Mann mit dem kahlen Kinn zusammen. Ein zaghaftes Lächeln huscht über das Gesicht des Dönerverkäufers.