An den 11. November 1989 kann sich der frühere Hofer Bürgermeister Dieter Döhla noch gut erinnern. Mitten in der Nacht hatte ihn ein besorgter Bürger angerufen. "Ich müsse sofort kommen, vor dem Rathaus stünden schon Hunderte DDR-Bürger und warteten. Und es war eiskalt in dieser Nacht", erinnert sich der 70-Jährige. Worauf die Menschen warteten? Auf die Öffnung des Rathauses - und die Auszahlung des Begrüßungsgeldes von 100 D-Mark.

Nach dem Fall der Mauer am 9. November hatten sich zahllose DDR-Bürger spontan auf den Weg in den Westen gemacht. Um Freunde und Verwandte zu treffen, aber auch zum Schauen, Bummeln, Einkaufen. Dazu holten sich viele als Erstes das Begrüßungsgeld ab, das die Bundesrepublik seit 1970 jedem DDR-Bürger bei der Einreise in den Westen zahlte.

Allein in Westberlin standen in den Tagen nach dem Mauerfall Zehntausende DDR-Bürger Schlange vor den Auszahlungsstellen. Nicht viel anders sah es in anderen Städten an der deutsch-deutschen Grenze aus. Auch nach Bayern rollte eine riesige Trabi-Lawine, vor allem aus Sachsen und Thüringen. Und die oberfränkische Stadt Hof, direkt hinter der Grenze gelegen, war einer der ersten Anlaufpunkte für Besucher.

"Mit diesem riesigen Ansturm hatten wir nicht gerechnet", sagt Döhla. Die Stadt war auf sich selbst und das Organisationstalent des Bürgermeisters gestellt. "Es gab ja keine Regeln für die deutsche Einheit. Der Atomfall wurde regelmäßig geprobt, die Wiedervereinigung nicht", sagt Döhla, der damals gerade ein Jahr im Amt war. Noch heute freut er sich über die "unangeordnete Hilfsbereitschaft" seiner Mitarbeiter. "Wir holten uns Nachschub von den Sparkassen und den Landeszentralbanken - immer wieder. Teilweise brauchten wir das Geld so schnell, dass wir 50 000 Mark einfach in Plastiktüten von A nach B getragen haben." Äcker wurden zu Parkplätzen umfunktioniert, Shuttle-Busse eingerichtet, und Banken, Gerichte und Behörden zahlten rund um die Uhr Geld aus, auch an den Wochenenden.

Unter dem Strich zahlte die Stadt damals rund 90 Millionen D-Mark an die Besucher aus, die das meiste davon prompt in Hof wieder ausgaben. Insgesamt zahlte die Bundesrepublik 1989 mehr als 1,8 Milliarden Mark an Begrüßungsgeld, bevor die Leistung Ende Dezember abgeschafft wurde. Stattdessen wurde dann ein Devisenfonds aufgelegt, aus dem jeder DDR-Bürger 100 D-Mark zum Kurs von 1:1 und 100 D-Mark zum Kurs 1:5 tauschen konnte.

Ein blauer Schein - und Millionen glückseliger Geschichten. Noch heute wissen viele, wofür sie ihr Begrüßungsgeld ausgegeben haben. Levis-Jeans, Milka-Schokolade, Matchbox-Autos, Barbies und Elektrogeräte - für 100 Mark konnte man damals vieles kaufen. "Am beliebtesten waren Radiatoren, tragbare Kassettenrekorder, Videorekorder, Fernseher, Schallplatten und natürlich Süßigkeiten und Obst", sagt Hans Stahlberg, der noch heute Abteilungsleiter bei dem Kaufhof in Hof ist.

In Bayern gab es mancherorts sogar zweimal Begrüßungsgeld - auf die 100 D-Mark vom Staat legten einige Kommunen nochmal 40 Mark drauf. "Ein Glück für mich und meine zwei Kinder. Ich hatte unsere ersten 300 Mark nämlich einem Arbeitskollegen gegeben, damit er seine Verwandtschaft in Amerika besuchen kann", sagt Diplom-Ingenieur Thomas Gläser aus Zwickau.

Zum Thema:
Die Bundesrepublik zahlte zwischen 1970 und 1989 jedem Besucher aus der DDR ein Begrüßungsgeld. Zunächst betrug es 30 D-Mark pro Person und konnte zweimal im Jahr in Anspruch genommen werden. 1988 erhöhte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl die Leistung auf 100 D-Mark pro Person und Jahr. 1988 - ein Jahr vor dem Mauerfall - wurden rund 261 Millionen Mark an Begrüßungsgeld ausgezahlt. Im Wendejahr 1989 wurden dem Bundesfinanzministerium zufolge mindestens 1,85 Milliarden Mark gezahlt. Zum Jahreswechsel 1989/1990 wurde das Begrüßungsgeld eingestellt und durch einen Devisenfonds ersetzt.