Elias ist seit vier Wochen verschwunden. Es wurde mit einem sehr großen Aufgebot nach ihm gesucht, Hunderte Hinweise gingen ein, bisher gibt es keine Spur. Was kann die Polizei noch tun?
Bis zum Montagabend sind bei der Polizei mehr als 900 Hinweise im Vermisstenfall Elias eingegangen. Jedem Hinweis sind die Mitarbeiter der Kriminalpolizei, teils mit Unterstützung von Suchkräften der Bereitschaftspolizei und Spürhunden, nachgegangen. Rund 20 Hinweise sind noch offen und werden in den nächsten Stunden und Tagen durch die Sonderkommission "Schlaatz" bearbeitet. Leider lassen die bereits abgearbeiteten Hinweise bisher keine konkreten Aussagen darüber zu, wie der Sechsjährige am 8. Juli verschwunden ist oder wo er sich derzeit befindet. Wir hoffen natürlich, noch eine konkrete Spur zu dem Jungen zu finden.

Was, glauben Sie, könnte passiert sein?

Das Ungewöhnliche an diesem Vermisstenfall ist die Tatsache, dass der Junge in einer recht kurzen Zeitspanne und scheinbar ohne Spuren und Zeugen verschwunden ist. Insofern hat die Polizei keine Grundlage für die Aufstellung von nur einer einzigen belastbaren Version. Wir müssen daher die möglichen Szenarien anhand der wenigen, uns bekannten Tatsachen ausschließen und daraus die Schwerpunkte unserer Ermittlungen herleiten.

Was heißt das?
Konkret bedeutet das, dass wir nach fast vier Wochen die Möglichkeit eines selbstständigen Weglaufens des Jungen, um sich irgendwo verborgen zu halten, fast gänzlich ausschließen können. Die herausragende und seit Langem einmalige öffentliche Kenntnisnahme in ganz Deutschland und Europa sprechen gegen diese Version. Auch die Möglichkeit, dass der Junge im fußläufig zu erreichenden Wohnumfeld verunglückt ist, haben wir mit den sehr umfassenden und aufwendigen Suchmaßnahmen im Nahbereich überprüft. Leider auch ohne Ergebnis.

Insofern rückt die Version eines unfreiwilligen Verschwindens immer mehr in den Fokus unserer Vermisstensuche, was gleichzeitig bedeutet, dass wir eine Straftat, die zum Verschwinden des Jungen führte, nicht mehr ausschließen können. Trotzdem es für keine der drei Versionen derzeit konkrete Erkenntnisse oder Hinweise gibt, konzentrieren sich die Ermittlungen aktuell verstärkt auf die zuletzt genannte Version, der eines unfreiwilligen Verschwindens.

Dass ein Kind so völlig spurlos verschwindet - ist nicht auch für Sie als sehr erfahrenen Polizisten unerklärlich?
Ein solcher Vermisstenfall ist mir in meiner polizeilichen Laufbahn bisher noch nicht begegnet. In der Tat ist das scheinbar spurlose Verschwinden sehr ungewöhnlich und macht die Suche umso schwerer. Wir haben jedoch schon frühzeitig alle verfügbaren Spezialisten in der Sonderkommission "Schlaatz" zusammengeführt, um jeder Spur, jedem Hinweis und jeder Aussage nachgehen zu können. Die Befragung von mehreren 100 Anwohnern, die Auswertung von mehr als 300 Stunden Videomaterial und 1000 Fotos sowie die umfangreichen Suchmaßnahmen mit Tauchern, Baggern und verschiedensten Spürhunden sind für die Westbrandenburger Polizei bisher ein Novum. Wir hoffen, dass wir Elias letztlich doch noch finden und sein Verschwinden aufklären können.

Welchen Austausch gibt es noch mit den Kollegen aus Sachsen-Anhalt, die im Fall der vermissten Inga ermitteln?
Es gehört zu den polizeilichen Standardmaßnahmen, dass zeitlich und örtlich nicht weit auseinanderliegende Vermisstenfälle miteinander verglichen werden. Insofern hat die Soko "Schlaatz" auch Kontakt mit den Ermittlern in Sachsen-Anhalt aufgenommen und die dortigen Umstände und Hinweise mit den hiesigen abgeglichen. Daraus haben sich jedoch lediglich zwei Gemeinsamkeiten ergeben, die aber nicht dazu geeignet sind, beide Fälle in einem Zusammenhang zu sehen oder Parallelen zu ziehen.

Die erste Gemeinsamkeit besteht darin, dass beide Kinder in einem sehr kurzen Zeitraum verschwunden sind und das scheinbar spurlos und ohne Zeugen. Die zweite Gemeinsamkeit ist das ungefähr übereinstimmende Alter der beiden Kinder. Obwohl weitere Gemeinsamkeiten nicht vorliegen, bleiben die Ermittlerteams weiterhin in ständigem Kontakt und Austausch.

Mit Michael Scharf

sprach Nathalie Waehlisch