Herr Thieme, was ist am Karneval so schön?
Das ist einfach anders als die andere Zeit des Jahres. Man kann mal richtig abschalten, Freunde treffen und aus sich herausgehen, fröhlich sein, sich verkleiden, der Seele freien Lauf lassen. Und wir hier in Plessa haben schon viele Karnevalsmuffel bekehrt.

Kann man nicht das ganze Jahr über Freunde treffen und fröhlich sein?
Natürlich kann man das. Das Besondere am Karneval ist aber, dass er in einer Jahreszeit liegt, wo alles passt. Es ist kühler, keine Gartenarbeit, mehr Zeit, enger zusammenzurücken und bei einem Gläschen Glühwein närrische Ideen zu entwickeln und entweder im Programm oder bei der Wagenbaugruppe umzusetzen. Das ist schon irgendwie Kult oder letztendlich Brauchtumspflege.

Wie weit reichen denn in Plessa die Karnevalswurzeln zurück? Das ist ja eher eine Sache der katholischen Gegenden.
Der Plessaer Karneval hat seine Wurzeln meiner Meinung nach im Wendischen. Wir sind historisch eine wendisch angehauchte Region und im Wendischen gibt es die Tradition des Zamperns, bei uns Zempern genannt. Und daraus ist das alles wohl entstanden. Seit Menschengedenken gibt es bei uns die Fastnacht und seit 1955 dann den Karneval mit Prinzenpaar und allem, was so dazugehört.

Beim Karneval werden immer auch die Mächtigen verhöhnt und aufs Korn genommen. Wie war das denn zu DDR-Zeiten?
Ja natürlich, so wie heute auch. Auf der einen Seite war es sogar leichter, weil schon kleine Andeutungen genügten, um Lacher auszulösen. Andererseits war es schwerer, denn man durfte ja auch nicht zu deutlich werden, um nicht anzuecken. Im Saal war ja damals immer ein Tisch mit Leuten, die uns beobachtet haben. Heute kann man alles sagen, aber das ist noch keine Garantie, dass man die Lacher auf seiner Seite hat.

Gab es auch mal richtig Ärger beim Karneval zu DDR-Zeiten?
Ja 1989, da haben wir ein Gorbatschow-Bild hochgehalten und dazu das Lied gespielt, "Ein Freund, ein guter Freund".

Was wird denn zentrales Thema beim Plessaer Umzug am Samstag? Wird sich der Zug noch mit dem verlorenen Doktortitel von Annette Schavan beschäftigen?
Das weiß ich nicht, ob das so schnell noch jemand hinbekommt oder hinbekommen will. Ist ja inzwischen fast schon Alltag in diesen Kreisen. Die Umzugsbilder werden nach dem jeweiligen Saisonmotto gestaltet und bis zum Start geheim gehalten. Aber wir werden das Thema als Redner auf der Tribüne noch verarbeiten. Und für die Saalansagen habe ich auch schon eine Idee.

Sie sind verheiratet und haben eine Tochter. Machen die auch beim Karneval mit?
Meine Frau ist aus Lübbenau, die hatte mit Karneval eigentlich nichts am Hut, aber die ist schon mit eingebunden worden, als wir noch nicht verheiratet waren. Meine Tochter ist zwölf und tanzt in der Kinderfunkengarde mit. Die ist schon mit einmarschiert, da konnte sie kaum laufen.

Mussten Sie Ihre Frau sehr lange von den Freuden des Karnevals überzeugen oder war das ein leichtes Spiel?
Nö, eigentlich nicht. Ich habe sie gefragt, ob sie in dieser Zeit immer alleine zu Hause hocken will. Sie hat ja gewusst, dass ich Karnevalist bin. Sie steht jetzt nicht mit auf der Bühne, sondern kümmert sich mit um die närrische Versorgung.

Karneval ist auch immer Kussfreiheit und Flirten. Gibt es da auch mal Eheprobleme?
Nein, das ist alles entspannt. (Thieme lacht.) Jeder muss doch selbst entscheiden, wie weit er gehen kann.

Eine Kappe aufsetzen, sich verkleiden, ist das Ihre Welt?
Ja. Wenn wir mit Freunden Geburtstag feiern oder ein Jubiläum, da habe ich mehrere Koffer voller Mützen und Kappen. Da setze ich dann eine passende Mütze auf und trage Sketche vor.

Sind Sie am Sonntag beim großen Karnevalsumzug in Cottbus dabei?
Nein, wir sind traditionell an diesem Tag in Radeburg in Sachsen. Das ist historisch so gewachsen. Der Plessaer Carnevals-Club ist der einzige in Brandenburg, der Mitglied im Verband sächsischer Karneval ist und noch dazu Gründungsmitglied. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch an Südbrandenburger Umzügen bei Karnevalsfreunden teilnehmen.

Mehr als drei Jahrzehnte Karnevalist in Plessa, haben Sie noch karnevalistische Wünsche und Träume?
Irgendwann will ich noch mal zum Karneval nach Venedig und nach Rio. In Köln war ich schon.