Jeden Tag wird Wolfgang Petzold in Dresden an Afghanistan erinnert. Wenn der 70-Jährige mit seiner Hündin Cloé im Norden der Elbestadt spazieren geht, tauchen die Erinnerungen auf. Der frühere Hauptfeldwebel und engagierte Tierschützer hat die Mischlingshündin einst in Kundus betreut. Dort war sie das Maskottchen der Soldaten. Viele von ihnen standen bei Petzold Schlange, um mit Cloé im Lager mal Gassi zu gehen. Später nahm er die Hündin nach Deutschland mit, obwohl die Dienstvorschrift so etwas gar nicht vorsah. Doch Petzold trickste die Bürokratie aus und brachte Cloé als Sprengstoffhund getarnt aus dem Kriegsgebiet.

Auch der afghanischen Hündin Susi, die heute in einer Familie bei Lüneburg lebt, verhalf Petzold zu einem "Marschbefehl" ins sichere Deutschland. Über all das und anderes hat der studierte Finanzökonom ein Buch geschrieben. Unter dem Titel "Jahrgang 44" berichtet Petzold über Erfahrungen auf dem Balkan, in Afghanistan oder auch in Banda Aceh, wohin er 2005 als Logistik-Experte deutsche Ärzte ins Tsunami-Gebiet begleitet. "Das sind Bilder, die wird man nie wieder los", sagt Petzold, der nun als Pensionär die Lage in den Krisengebieten am TV-Gerät verfolgt und noch Kontakt zu früheren Kameraden hält. Viele von ihnen wollen wissen, wie es Cloé heute geht.

"Sie nimmt den Status als Maskottchen nun auch in Dresden-Klotzsche ein", meint Petzold. Cloé sei gesund, habe aber immer ihren eigenen Kopf behalten. Im Stadtteil Klotzsche ist Cloé jedenfalls sehr bekannt. Viele Medienberichte verhalfen ihr zu lokaler Berühmtheit. Nur wenn Menschen mit weiten Mänteln auftauchen, wird die etwa 13 Jahre alte Hündin nervös und aggressiv. Petzold glaubt, dass Cloé als Jungtier gequält wurde und deshalb auf Gewänder, die Kaftanen ähneln, allergisch reagiert: "Sie hat viele negative Erfahrungen gemacht, meine Frau und ich mussten viel Sorgfalt bei der Eingewöhnung aufbringen", sagt der gebürtige Erzgebirger.

Im Rückblick sieht Petzold manches an den Auslandseinsätzen der Bundeswehr kritisch. Nicht nur die Feldlagerordnung sei überholt. Nach der hätte Cloé gar nicht dort leben dürfen. Um das zu ermöglichen, sei viel taktisches Feingefühl erforderlich gewesen. Dabei könnten bestimmte Tiere helfen, um Ratten, Mäuse oder Schlangen zu vertreiben. Und auch bei Langeweile seien tierische Freunde ein gutes Gegenmittel: "Da wurden die härtesten Kerle weich." Auf der Zahlstelle in Kundus hätten sich die Soldaten oft wegen Cloé gedrängelt, erinnert sich Petzold, der auf verschiedenen Dienstposten im Bereich der Verwaltung tätig war.

Wenn Petzold vom Einsatz in Afghanistan erzählt, fallen auch Worte wie Überheblichkeit und Verschwendungssucht. Dabei will er beileibe nicht alle über einen Kamm scheren. Er habe auch wunderbare Kameraden kennengelernt, sagt der 70-Jährige. Aber viele Soldaten seien einfach schlecht vorbereitet in den Einsatz geschickt worden: "Die können zwar schießen, wissen aber nichts über die Mentalität der Menschen vor Ort und verursachen so viel Frust." Auch er selbst ist einmal in ein kulturelles Fettnäpfchen getappt: "Ich wollte für Cloé auf dem Basar einen Teppich als Unterlage kaufen. Was ich nicht wusste: Es war ein Gebetsteppich." Die Afghanen seien sehr aufgebracht gewesen.

Auch das häufig wechselnde Kommando in den Lagern hat nach Ansicht von Petzold Nachteile gebracht. Da habe jeder Kommandeur das Rad neu erfinden und eigene Duftmarken setzen wollen. Einmal habe er für einen General ein Zelt herrichten lassen müssen, damit dieser örtliche Clanchefs angemessen empfangen konnte: "Da war alles vom Feinsten, Bodenfliesen, Mobiliar, Lampen. Darin hätte man den lieben Gott empfangen können." Doch als Petzold nach einem Urlaub ins Lager zurückgekehrte, war die mehr als 20 000 Dollar teure Pracht verschwunden, die Bodenplatten zertrümmert: "Der nachfolgende Kommandeur hatte keine Verwendung dafür."

"Wir haben es nicht verstanden, die Herzen der Menschen zu erobern", sagt Petzold. Jetzt macht er sich Sorgen über die vielen Afghanen, die er bei seinen Einsätzen kennenlernte, darunter den Jungen Hamid aus Feyzabad. Er müsste heute schon ein Jugendlicher sein, wenn er gesund geblieben ist - in einem Land voller Gewalt nicht selbstverständlich. Petzold muss auch an jene Mädchen denken, die nicht mehr in die Schulen gehen können, weil die Taliban wieder ganze Landstriche in ihrer Gewalt haben. "Viele von den Schulen, die wir errichtet haben, sind heute wieder zerstört", berichtet der frühere Reservist und spricht von einer afghanischen Tragödie.

Petzold hat am eigenen Leib erlebt, wie Krieg in die Schicksale von Menschen eingreift. "So hat mein Mann im Alter von 68 Jahren erst erfahren, dass sein leiblicher Vater ein serbischer Kriegsgefangener war", sagt Petzolds Ehefrau Ilse. Die Eltern von Wolfgang hätten dieses Geheimnis mit ins Grab genommen. Petzold selbst hatte lange nach seinen Wurzeln gesucht, Gentests ließen dann keinen Zweifel mehr zu. Mit 68 bekam er nun drei neue Geschwister: "Ich war in diesem Moment der glücklichste Mensch auf Erden."