Frau Ministerin, die Bundeskanzlerin befindet sich auf Bildungsreise und sie hofft offenbar, beim Gipfel im Oktober eine große Reform zustande bringen zu können. Hoffen Sie das auch?
Wir brauchen nicht den Urknall, der das gesamte Bildungssystem neu erfindet. Seit der Pisa-Studie hat sich schließlich in Sachen Qualität viel zum Positiven verändert. Es wird allerdings auch nicht genügen, beim Gipfel nur ein oder zwei Ziele zu definieren. Die Bürger erwarten konkrete Ergebnisse.

Welche schweben Ihnen denn ganz konkret vor?
Nach dem Gipfel muss klar sein: Die Mittel, die durch sinkende Schülerzahlen frei werden, müssen im Bildungssystem verbleiben - die demografische Rendite muss also fest vereinbart werden. Ich erwarte auch, dass wir uns auf Jahreszahlen verständigen, bis wann wir welche Verbesserungen erreicht haben wollen. Beispielsweise die Sprachstandserhebungen für Kinder und entsprechende Kursangebote für jene, die ohne ausreichende Deutschkenntnisse vor der Einschulung stehen. Wir müssen auch bekräftigen, die Zahl der Schüler ohne Abschluss halbieren zu wollen. Und: Eine berufliche Qualifikation wie der Meistertitel muss künftig leichter den Zugang zum Studium ermöglichen.

Mehr Geld vom Bund fordern Sie nicht ein? Länder wie Berlin oder Nordrhein-Westfalen erwarten zehn Milliarden Euro.
Man muss solche Forderungen auch als Reaktion auf die Initiative des Bundes begreifen. Der Bund hat die Bildung trotz fehlender Zuständigkeiten zu seinem Thema gemacht. Wenn der Bund dort, wo er Zuständigkeiten im Bildungssystem hat, also Verantwortung reklamiert, dann muss er auch Geld in die Hand nehmen. Nur an die Länder zu appellieren, sie sollen mehr leisten, ist zu wenig.

Eigentlich müssten Sie mit der Kanzlerin kräftiger hadern, sie hat schließlich geschickt die anti-föderale Stimmung unter den Bürgern bei Thema Bildung aufgegriffen.
Wer ein zentrales System will, der muss sich fragen lassen: Auf welches Niveau welches Bundesland einigen wir uns eigentlich? Zentralismus birgt die Gefahr des kleinsten gemeinsamen Nenners. Die Bewegung nach vorne kommt aber aus der Vielfalt und dem Wettbewerb. Das gilt insbesondere für die Bildung.

Dass die Länder selten mit einer Stimme sprechen, kann aber auch Bewegung verhindern. Wird sich die Kultusministerkonferenz für den Gipfel auf ein gemeinsames Konzept einigen können?
Ja. Wir werden als KMK Maßnahmen vorlegen, wie man eine Bildungs- und Qualifizierungsoffensive in Deutschland gestalten kann. Das ist übrigens nicht nur eine Frage des Geldes: Sachsen beispielsweise ist seit Jahren bei der Bildungsqualität in der Spitzengruppe, das Land hat aber bei weitem nicht die höchsten Bildungsausgaben der Länder. Also kommt es auch darauf an, wie man das Geld einsetzt.

Mit ANNEGRET KRAMP-KARRENBAUER sprach Hagen Strauß