Herr Heinrich, Sie haben ihren neuen Job in einer schwierigen Situation für die Braunkohlenwirtschaft angetreten. Ältere Kohlekraftwerke sollen schrittweise über eine Kraftwerksreserve (siehe Info-Box) stillgelegt werden. Hätten Sie sich das anders gewünscht?
Ein einfacher Termin war das nicht. Ich habe meinen neuen Job genau an dem Tag angetreten, als die Entscheidung zur Kraftwerksreserve fiel.

Ich bin in der Lausitz mit der Braunkohle groß geworden und kann mir diese Region ohne die Braunkohle überhaupt nicht vorstellen. Deshalb gehe ich ganz fest davon aus, dass die Lausitzer und die mitteldeutsche Braunkohlewirtschaft noch eine weitere Zukunft haben.

Egal wie die Kraftwerksreserve endgültig aussehen wird, die Zahl der Kohlejobs wird in den nächsten Jahren weiter zurückgehen. Daran werden auch Proteste nichts ändern. Was kann eine Gewerkschaft da noch tun?
Durch die Kraftwerksreserve wird sich die Zahl der Arbeitsplätze bei Vattenfall und auch bei Zulieferern ganz sicher reduzieren. Wir wollen uns aber dafür einsetzen, dass es alternative Jobs gibt und dass der Prozess möglichst langfristig und dadurch sozialverträglich abläuft. Wir haben in der Lausitz ja auch einen demografischen Wandel.

Heißt das, der Rückgang der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter kommt der Entwicklung in der Braunkohle gerade recht?
Wir haben seit 25 Jahren schon einen kontinuierlichen Arbeitsplatzabbau in dieser Branche und einen großen Strukturbruch hinter uns. Den habe ich selbst nach der Wende miterlebt.

Dieser Jobverlust konnte trotz vieler positiver Entwicklungen nicht komplett ausgeglichen werden. Jetzt steht ein ähnlicher Prozess an.

Wie kann und will die IG BCE da Einfluss nehmen?
Der Konsens einer Kraftwerksreserve ist ja durch die Kraft der IG BCE und unseren Einfluss erst möglich geworden. Wir werden auch weiterhin unsere Stimme erheben und uns für die Arbeitsplätze starkmachen.

Bei der Diskussion über die Zukunft der Lausitz wird oft auch eine stoffliche Nutzung der Braunkohle ins Spiel gebracht. Für wie realistisch halten Sie solche Ideen?

Dass, was ich bisher dazu kennengelernt habe zeigt, dass es im Moment nicht wirtschaftlich machbar ist. Deshalb kann ich darin noch keine Chance erkennen. In zehn oder fünfzehn Jahren kann das vielleicht anders aussehen. Das ist ja bei der Energiepolitik ähnlich. Auch da werden wir in zehn oder fünfzehn Jahren sehen, wie weit wir wirklich auf Braunkohlestrom verzichten können oder sogar noch stärker darauf angewiesen sind.

Die IG BCE ist eine der letzten großen Industriegewerkschaften. Insgesamt haben Gewerkschaften aber in den vergangenen Jahren an Mitgliedern und Einfluss verloren. Lässt sich diese Entwicklung aufhalten?

Für uns als IG BCE gilt das nicht. Als Landesbezirk sind wir in den vergangenen fünf Jahren gewachsen. Das wird weitergehen, weil wir auch in neuen Betrieben Fuß fassen.

Wie hoch ist denn der durchschnittliche Organisationsgrad?
Der liegt jetzt bei 50 Prozent. Bei den jungen Leuten ist es noch viel höher. Unter den Auszubildenden in unseren Branchen sind bundesweit 70 Prozent bei uns Mitglied. In der Lausitz erreichen wir sogar eine Quote über 80 Prozent. Damit ist der Start gemacht.

Noch mal zurück zur Braunkohle. Vattenfall hat Tagebaue und Kraftwerke jetzt offiziell international zum Verkauf angeboten. Wen wünschen Sie sich als Eigentümer?

Es ist gut, dass es jetzt zum Verkauf kommt, denn bei den schwedischen Eigentümern ist die Lausitzer Braunkohle nicht mehr gut aufgehoben. Wir brauchen jetzt einen Käufer mit Kompetenz und Erfahrung im Braunkohlegeschäft, der auch Lust hat, hier die Kohle weiter zu fördern und zu verstromen.

Mit Oliver Heinrich

sprach Simone Wendler

Zum Thema:
IG BCELandesbezirk Nordost: Er umfasst alle neuen Länder außer Thüringen. Die IG BCE hat dort rund 82 000 Mitglieder, davon etwa 20 Prozent in den ostdeutschen Tagebauen und Kraftwerken. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin überwiegen Gewerkschaftsmitglieder aus der chemischen Industrie, dem Kunststoff- und Papierbereich.Kraftwerksreserve: Die Bundesregierung einigte sich Anfang Juli darauf, statt einer Klimaabgabe auf ältere Kohlekraftwerke einen Pool von Kraftwerken zu bilden, die über fünf Jahre im Bedarfsfall zur Stromerzeugung einspringen können. Dafür erhalten die Eigentümer eine Entschädigung. Nach den fünf Jahren werden die Anlagen endgültig stillgelegt.Oliver Heinrich: Er wurde 1977 in Lauchhammer geboren. Er lernte bei der BASF in Schwarzheide und wurde 2002 hauptamtlicher Gewerkschafter. Heinrich ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt heute im Berliner Umland.