Herr Müntefering, Sie sind jetzt 72 Jahre alt. Ist der demografische Wandel nicht eher ein Problem der jüngeren Semester?Mit 72 hat man noch eine statistische Lebenserwartung von 15 Jahren. So lange der Kopf klar ist, will ich mich um dieses Thema kümmern, weil es mir auch ganz persönlich am Herzen liegt.

Bei der Zwischenbilanz Ihrer Projektgruppe fällt auf, dass alte SPD-Forderungen etwa für einen Mindestlohn oder bessere Kinderbetreuung nun unter demografischen Aspekten firmieren. Das klingt wenig originell.Das ist auch nicht der Punkt. Was wir brauchen, ist ein Gesamtkonzept für den demografischen Wandel. Und da spielen in der Tat bekannte Forderungen mit hinein. Um den Lebensstandard zu halten, müssen künftig deutlich mehr Frauen in Beschäftigung kommen. Neben angemessenen Löhnen ist dafür eine gute öffentliche Kinderbetreuung unerlässlich. So hängt alles mit allem zusammen.

Sind wir auf die absehbar sehr unterschiedliche regionale Verteilung der Bevölkerung eingestellt?Es gibt eine unzureichende Sensibilität für dieses Problem. Tatsache ist, dass viele junge Bildungshungrige aus der Fläche in die Städte gehen und dort bleiben. Dadurch kommt es zu einer Konzentration der Leistungsträger in den Metropolen, was zum Schaden der Fläche ist. Dort wiederum ist man oft nicht in der Lage, die eigenen Stärken auszuspielen. Dadurch verschärft sich die ungleiche regionale Verteilung.

Sie sehen die Gefahr der Verödung ganzer Landstriche?Das ist nicht auszuschließen. Aber es gibt auch Gegenmittel. Für einen guten Arbeitsplatz nehmen die Leute auch weitere Wege in Kauf. Für die Betreuung ihrer Kinder nicht. Das heißt konkret, eine Kommune, die in der Fläche bestehen will, muss gute Betreuungsmöglichkeiten schaffen.

Aber muss Politik den Menschen nicht auch sagen, dass Umsiedlungen nötig sind, weil die Infrastruktur in mancher Region nicht mehr aufrechtzuerhalten ist?Das gehört sicher dazu. Wenn man das jedoch pauschal sagt, dann spielt man die Metropolen gegen den ländlichen Raum aus. Dabei gibt es auch größere Städte, die mit Abwanderung zu kämpfen haben. Nehmen Sie das Ruhrgebiet oder bestimmte Regionen in Ostdeutschland. Umgekehrt gibt es aber auch ländliche Regionen, die von den Ballungszentren profitieren. Das zeigt sich zum Beispiel in den Räumen um Hamburg und Berlin.

Und was folgt daraus?Es entwickeln sich Regionen, die gewissermaßen an große Städte andocken können. Deshalb muss jede Region ihre Standortvorteile bündeln. Dazu zählen zum Beispiel Natur und deutlich niedrigere Wohnkosten. Ich kann mir vorstellen, dass Bund und Länder sogar Prämien ausloben, damit sich Regionen für solche Vorhaben zusammenschließen.

In Ostdeutschland sieht es aber schon wegen der großen Abwanderung nach der Wende vielerorts düster aus . . .Es stimmt, hätte es die Einheit nicht gegeben, Gott sei Dank gab es sie, dann wären in Ostdeutschland heute etwa fünf Millionen Menschen mehr beheimatet und im Westen fünf Millionen weniger. Rein bevölkerungspolitisch betrachtet ist das ein Signal, was in Deutschland passieren könnte, wenn uns der Ausgleich nicht gelingt.

Nach den Plänen der Union sollen alle Bürger ab 25 Jahre eine Demografie-Abgabe zahlen, um die Kosten des Umbruchs zu schultern. Was halten Sie davon?Nichts. Das ist der Versuch, die Kosten der Alterung einseitig den Beschäftigten aufzubürden. Bislang werden die Rentenbeiträge von den Arbeitgebern mitfinanziert. Bei der Kranken- und Pflegeversicherung ist es genauso. Wenn die Union eine Finanzierungslücke sieht, dann frage ich mich, warum sie gleichzeitig den Rentenbeitrag von 19,6 auf 19,2 Prozent absenken will. Das passt nicht zusammen.

Trotzdem, was ist so falsch daran, für die Zukunft auch finanziell vorzusorgen?Wenn die Löhne stimmen, dann kommt auch genug Geld in die Sozialkassen. Das Unionskonzept für eine Demografie-Abgabe hat noch einen weiteren großen Schwachpunkt: Das Geld würde ja auf dem Kapitalmarkt angelegt werden. In der letzten Krise haben US-Pensionsfonds rund ein Drittel ihres Wertes eingebüßt. Schon deshalb verbietet sich eine kapitalgedeckte Scheinlösung.

Was sollte die Regierung tun?Das Wichtigste ist, dass der Bund angesichts der demografischen Herausforderung die Kommunen stärkt. Wir brauchen einen Demografie-Pakt zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Das heißt zum Beispiel konkret, die ambulante Pflege auszubauen. Um neue und teure Pflegeheime zu vermeiden, ist eine Versorgung notwendig, die eine breit gefächerte ambulante Pflege genauso einschließt wie das barrierefreie Wohnen. Hier verschläft der Bund seine Aufgaben.

Kann Zuwanderung die Probleme lösen?Das ist sicher ein Teil der Lösung. Entscheidend bleibt aber, die vorhandenen Potenziale zu nutzen.

Mit Franz Müntefering

sprach Stefan Vetter