Damit scheint der heftige Streit über das geplante Brandt-Denkmal auf dem "Erfurter Hof" beigelegt, der in eine Provinzposse abzugleiten drohte. Die Kritik vor allem von Zeitzeugen und Historikern hatte sich an dem ursprünglichen Textentwurf "Willy komm ans Fenster" des Berliner Künstlers David Mannstein entzündet, den eine Jury aus 123 Vorschlägen Anfang März ausgewählt hatte. Die Kritik reichte von Schildbürgerstreich bis zu Geschichtsfälschung.
In den Streit mischte sich auch Brandt-Witwe Brigitte Seebacher-Brandt ein. Sie nannte den ursprünglichen Entwurf "grässlich und grotesk". Bei den Treffen Brandts mit dem DDR-Ministerpräsidenten Willy Stoph hatten Hunderte Menschen unter den Augen der DDR-Sicherheitskräfte spontan "Willy Brandt ans Fenster!" gefordert. Als er sich den Menschen zeigte, brach Jubel los. Diese Sympathiebekundung werde nun "verballhornt", sagte Seebacher-Brandt. Ihr Mann schrieb später in seinen Erinnerungen: "Der Tag von Erfurt. Gab es einen in meinem Leben, der emotionsgeladener gewesen wäre?"
Mannstein sagte, er wollte mit dem umgangssprachlichen "Willy komm ans Fenster" nicht nur Brandt, sondern auch die Erfurter Rufer von damals würdigen. "Somit ist der Kompromiss vom Wochenende für mich schon mit einem Wermutstropfen verbunden." Er habe nach den unerwartet heftigen Reaktionen mit Zeitzeugen gesprochen und könne nachvollziehen, "dass sich ein Teil der Erfurter, die damals auf dem Platz waren, geprellt fühlen." Die Kritiker hätten den Spruch als Zitat aufgefasst, das sei jedoch nicht seine Intention gewesen.
Die Jury hat nach Angaben ihres Vorsitzenden Kai Uwe Schierz intensiv über die verfremdete Textzeile diskutiert und sich dann mit elf zu zwei Stimmen für den Entwurf entschieden. Allerdings könne sie auch mit dem jetzt gefundenen Kompromiss leben. "Wenn Kunst in den öffentlichen Raum tritt, gibt es in der Bevölkerung zumeist andere Auffassungen - zumal wenn es um Erinnerungen geht."
Die Leuchtschrift verteidigte Schierz als zeitgemäße Kunst im öffentlichen Raum. "So provinziell darf Erfurt nicht sein, dass man Denkmal-Auffassungen des 19. Jahrhunderts wie Standbildern nachkommt." Als unsinnig und formalistisch wies er den Vergleich mit Werbung zurück. Kritiker von "Willy komm ans Fenster" hatten sich auf die Satzung der Stadt berufen, die Leuchtwerbung auf Gebäuden verbietet. Kunst sei davon ausgenommen, stellte Stadtsprecherin Inga Hettstedt klar.
Das dreiteilige Kunstwerk soll im Herbst installiert werden. Dazu zählt neben der Leuchtschrift ein Informations-Terminal zu den Ereignissen am 19. März 1970 sowie das hell erleuchtete Fenster, aus dem Brandt die Erfurter grüßte. "Das Fenster soll assoziieren, Willy Brandt ist immer da", sagte Mannstein.