Wolfgang Roick sitzt in der Kirchenbank der Potsdamer Nikolaikirche. "Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht: Christus, meine Zuversicht", singen die Menschen im Gotteshaus. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), die neue Landtagspräsidentin Britta Stark, Abgeordnete fast aller Landtagsfraktionen. Alle sind sie gekommen, um vor Beginn der konstituierenden Sitzung des Potsdamer Landtags einen ökumenischen Gottesdienst zu feiern. Und sie hören die evangelische Pröpstin Friederike von Kirchbach, die daran erinnert, dass der Lebensweg von Christus "eben nicht im Palast der Mächtigen endete", und es eine besondere Bedeutung habe, wenn im Zentrum des Glaubens einer stehe, "dem es nicht aufs Herrschen, sondern aufs Dienen ankommt".

"Mir war das wichtig", sagt Wolfgang Roick hinterher. Denn für den Forstwirt aus Groß räschen beginnt an diesem Mittwoch ein neuer Lebensabschnitt. Zum ersten Mal ist der SPD-Politiker am 14. September in das Potsdamer Parlament gewählt worden, zum ersten Mal nimmt er nun auf dem Sessel im Plenarsaal Platz. Und hört, wie der älteste Abgeordnete, der Alterspräsident Alexander Gauland (AfD), das Parlament eröffnet. "Wir sind hier auch in Preußen, da herrscht im Allgemeinen Pünktlichkeit, und da fange ich jetzt an." In seiner Eröffnungsrede erinnert Gauland an das freie Mandat der Abgeordneten, zitiert den englischen Staatsphilosophen Edmund Burke. Ein guter Parlamentarier könne nur derjenige sein, "der einen eigenen Standpunkt einnimmt, seine unvoreingenommene Meinung, sein ausgereiftes Urteil, sein erleuchtetes Gewissen spiegelt".

Während Gauland spricht, sitzt ein Abgeordneter einsam im Plenum. Stefan Hein, der Stiefsohn des AfD-Fraktionschefs, war vor gut zwei Wochen aus der AfD-Fraktion ausgeschlossen worden, weil er dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" seine Meinung über Fraktionsmitglieder zuspielte .

Gauland ist mittlerweile beim Thema Europa angekommen. Er verweist auf die Grenzkriminalität und die Flüchtlingsströme als politische Herausforderungen. "Und eben hierin liegt in unserer heutigen Zeit die Herausforderung für ein gutes Mitglied des Parlaments, einen eigenen Standpunkt einzunehmen und diesen Standpunkt zugleich immer wieder kritisch zu hinterfragen." Viel war im Vorfeld über Gaulands Rede gemutmaßt worden. Würde er sie als politische Bühne für die AfD benutzen? "Ich finde, es war eine sehr treffende und angemessene Rede", sagt Wolfgang Roick.

Dann kommt es zu den Wahlen: Namentlich werden die Abgeordneten aufgerufen. "Frau Alter . . . Frau Augustin . . . Herr Bader." Einer nach dem anderen gehen sie zu den Schriftführern, lassen sich einen Stimmzettel geben, verschwinden in der Wahlkabine. Zweimal geschieht dies an diesem Tag: Die neue Landtagspräsidentin Britta Stark (SPD) und Vizepräsident Dieter Dombrowski (CDU) werden in geheimer Wahl gewählt. Stark erhält 70 von 86 abgegebenen Stimmen, Dombrowski nur 56. Ein mäßiges Ergebnis für den Christdemokraten, das manche Mitglieder der CDU-Fraktion hinterher der Linkspartei anlasten. Deren Wunsch nach einem zweiten stellvertretenden Landtagspräsidenten, dessen Einführung zwei Drittel der Parlamentsmitglieder zustimmen müssten, werde nun teurer, hört man hinterher auf den Fluren des Parlaments. Drinnen im Plenarsaal redet unterdessen die neue Landtagspräsidentin Britta Stark zum ersten Mal. Sie erinnert an die Ereignisse vom Herbst 1989 - und die miese Wahlbeteiligung bei der jüngsten Landtagswahl.

"Wir alle müssen dafür werben, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind", sagt Stark. "Wir müssen wieder Lust auf Demokratie wecken."

Zum Thema:
Brandenburgs Freie Wähler kämpfen weiter um den Status einer Abgeordnetengruppe. Die drei am 14. September gewählten Abgeordneten gelten derzeit im Parlament als fraktionslose Abgeordnete. "Wir sind drei Abgeordnete desselben Wahlvorschlags", sagte der Landtagsabgeordnete Peter Vida im Parlament. "Eine vierköpfige Fraktion hat volle Rechte - eine dreiköpfige Gruppe dagegen hat keine Rechte, nur die von drei fraktionslosen Einzelabgeordneten." Im Parlament stießen die Freien Wähler mit ihrem Anliegen weitgehend auf Wohlwollen. Nur der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Mike Bischoff, verweist ausführlich auf die Rechte, die ein einzelner Abgeordneter heute schon im Landtag hat. "Es bedarf einer klugen, langfristigen Abwägung", ob es einen Gruppenstatus braucht. Am Ende beschlossen die Parlamentarier, den Hauptausschuss entscheiden zu lassen, wie es mit den Freien Wählern weitergeht.