Martin Wehrle, heute ist der Internationalen Tag gegen Lärm. Wird die Welt tatsächlich immer lauter oder sind wir nur empfindlicher geworden?
Wehrle Was auf jeden Fall lauter wird, das sind die Menschen. Hören Sie einmal rein in Meetings. Da setzen sich oft die Lautesten durch und nicht die mit dem meisten Sachverstand. Hören Sie rein in Vorstellungsgespräche. Da setzen sich oft die Trommler durch und nicht die wahren Leistungsträger. Und deshalb sage ich: Wir sind eine Lärmgesellschaft. Wir müssen es lernen, die leisen Tugenden wieder mehr zu schätzen.

Sie haben gerade ein Buch herausgebracht, das die Stillen feiert. Wie kommen Sie auf diese Idee?
Wehrle Erstens gehöre ich selbst zu den stilleren Menschen, obwohl ich manchmal vor vollen Sälen rede. Zweitens sehe ich als Karriereberater oft, dass fantastische Fachkräfte auf der Strecke bleiben, weil sie sich angeblich nicht gut genug verkaufen. Ich sehe auch, dass Kinder in der Schule, die prima Leistungen in schriftlichen Arbeiten bringen, benachteiligt werden, nur weil sie sich nicht oft genug melden. Und ich finde: Wir als Gesellschaft haben die Pflicht, die Introvertierten genauso wertzuschätzen wie die Extrovertierten. Nach einer Studie hält sich jeder zweite Amerikaner für schüchtern. Ich glaube nicht, dass die Menschen immer schüchterner werden. Es sind unsere Maßstäbe, die sich ungesund verschoben haben. Wer heute nicht sofort frisch dampfend sein Baby bei Facebook in die Kamera hält oder nicht wie ein Pressesprecher in eigener Sache auftritt, der gilt schon als schüchtern.

Gehört nicht seit jeher Klappern zum Handwerk?
Wehrle Auf der einen Seite gehört Klappern zum Handwerk, auf der anderen Seite habe ich nichts vom Klappern, sondern nur vom Handwerk. Wir brauchen weniger Reden und mehr Redlichkeit, weniger Geschwätz und mehr Substanz - in allen Bereichen der Gesellschaft: in der Arbeitswelt, in der Politik, aber auch schon in den Schulen.

Sie erzählen im Buch von der Kunst, auf ruhige Art erfolgreich zu sein. Wie kann das unter lauter Lauten gelingen?
Wehrle Die Lauten merken oft, dass sie im Hintergrund auch jemanden brauchen, der strategisch denkt und Substanz mitbringt. Denken Sie doch nur an Konstellationen im Fußball. Bundestrainer Klinsmann hatte hinter sich einen Joachim Löw. Dieser war der Experte für die Taktik und fürs Fachliche. Und Klinsmann war der Selbstverkäufer, der Motivator. Alle haben damals gesagt: Löw wäre der Mann für die zweite Reihe, der könne sich niemals durchsetzen. Aber Sie wissen selbst, was dabei herauskam, als man ihn ans Ruder ließ: Weltmeister! So ist es in vielen Bereichen. Man muss den Leisen einfach die Chance geben, ihre Qualitäten auszuspielen. Zum Beispiel können sie meist sehr gut mit Menschen umgehen, zuhören, Beziehungen aufbauen. Das sind Qualitäten, die gerade in der heutigen Zeit gefragt sind und auch Erfolg bringen können.

Was schlagen Sie vor: Sollen Lautsprecher abgeschafft werden und Schwätzer ein Redelimit erhalten?
Wehrle Warum nicht? Aber man könnte auch mal nach Fernost schauen. In Schanghai sind unter Kindern die Leisesten ganz oft die Gruppenführer, die das größte Ansehen genießen. In Kanada sind es die Lautesten. Ich schlage vor, dass wir schon bei der Erziehung anfangen, die leisen Temperamente mehr zu schätzen. Und dann auch in den Firmen nicht so sehr nach den Worten gehen, sondern mehr auf die Leistung schauen. Ich empfehle Chefs und allen Verantwortlichen, stille Menschen öfter ins Gespräch hereinzuholen. Sie müssen ermutigt werden, Stellung zu nehmen zu Themen. Für introvertierte Menschen ist oft der schriftliche Weg dabei der gangbarere, den sie gut beherrschen.

Ist unsere Gesellschaft denn reif für weniger Lautstärke und mehr Lauterkeit, wie es in Ihrem Buch heißt?
Wehrle Sie ist sogar überreif. Auch wenn gerade die Lauten, nicht nur Trump in den USA, jetzt viel Zulauf haben. Wenn leise Menschen lange nicht gehört werden, suchen sie sich irgendwann einen Lautsprecher, der für sie übertrieben laut spricht. Das ist auch ein Grund, warum ich meine: Die Politik müsste viel weniger reden und viel mehr zuhören. Damit würde man Populisten das Wasser abgraben. Und Leise würden weniger dazu neigen, sich stellvertretend laute Stimmen zu suchen.

Welchen Krach können Sie denn selbst am wenigsten ertragen? Selbst Flüstern im Ehebett bringt es auf 30 Dezibel. Das reicht, um aus dem Schlaf gerissen zu werden, habe ich gelesen.
Wehrle (lacht). Das ist weniger mein Problem. Ich bin Hobbyangler, sitze gern am See und genieße das Vogelzwitschern. Wenn dann irgendwo eine Motorsäge am Ufer aufheult, da ist natürlich mein Idyll durchgesägt. Am wenigsten aber ertrage ich es, wenn Menschen große Sprüche klopfen und ich weiß schon: Es ist nichts dahinter, später wird es noch mal knallen, weil die lauten Versprechungen dann platzen. Das mag ich am wenigsten: Wenn sich Leute ohne Substanz in den Mittelpunkt schieben und jene mit Substanz deshalb auf der Strecke bleiben. Dieser Lärm stört mich noch mehr als die Motorsäge beim Angeln.

Und welche Geräusche möchten Sie nicht missen?
Wehrle Neben Vogelgesang wäre es eine große Strafe für mich, wenn ich keine Songs von Heinz Rudolf Kunze mehr hören dürfte. Ich verehre ihn, seit ich vierzehn bin, und habe auch alle seine Alben. Und ich weiß auch, dass er Verwandte in der Lausitz hat und einer der ersten West-Künstler war, die im Osten gespielt haben.

Und wie kommen Sie damit zurecht, wenn Kinder so richtig Krach machen?
Wehrle Das halte ich gut aus, auch wenn ich nicht völlig immun dagegen bin. Aber bevor ich mich aufrege, taucht immer rechtzeitig ein Bild vor mir auf, wie ich selbst als Junge über das Fußballfeld renne und dabei auch nicht gerade leise war. Da wird mein Herz ganz groß, und der Lärm wirkt dann eher wie Musik, weil er dafür steht, dass da eine neue Generation nachwächst und Geräusche macht, die nicht aus dem Computer kommen. Das ist doch viel wert.

Wir beschweren uns ja selbst über den dauernden Krach und halten es dennoch kaum ohne Geräuschkulisse aus. Wie können wir der Lärmgesellschaft, wie Sie sie nennen, entrinnen?
Wehrle Indem wir unsere eigenen Gewohnheiten ändern. Ich finde es ganz wichtig, dass wir uns unsere eigenen Momente der Stille schaffen. Das kann ein Spaziergang in der Natur sein. Wenn ich den Abstand von Menschenlärm genieße, dann lerne ich automatisch, die Geräusche der Natur mehr zu schätzen: das Sprudeln eines Baches, das Hämmern eines Spechtes. Dann hat man wieder ein Bewusstsein dafür. Wir können zwar unsere Augen schließen, wenn uns die Sonne blendet, aber nicht unsere Ohren, wenn uns Lärm stört. Der dänische Philosoph und Schriftsteller Søren Kierkegaard hat beobachtet: Feuerwerk nutzt sich ab. Aber das Rauschen eines Baches wird umso angenehmer, je länger man es hört. Das kann ich aus eigener Beobachtung nur bestätigen.

Mit Martin Wehrle

sprach Ida Kretzschmar

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Martin Wehrle lebt in der Nähe von Hamburg. Der 47-Jährige arbeitet als Karriereberater und Autor. Sein Buch "Ich arbeite in einem Irrenhaus" stand mehrere Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Sein soeben erschienenes Buch "Der Klügere denkt nach - Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein" erschien im Mosaik-Verlag und kostet 15 Euro (Edition Kindle 11,99 Euro).