Auf den Straßen von Teheran: "Warum soll ich denn wählen gehen?" fragt der 25-jährige Dariusch. Wie ihm geht es vielen Iranern vor der Parlamentswahl, zu der heute 46,3 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen sind. Von den Repressionen der Konservativen ermüdet, von der Machtlosigkeit der Reformer enttäuscht, fürchten Beobachter bei dem neuen Urnengang eine im schlimmsten Fall kaum größere Beteiligung als bei den Kommunalwahlen vor einem Jahr - damals lag sie bei 16 Prozent.
Im Machtkampf um den Ausschluss tausender reformorientierter Kandidaten, in dem wichtige Reformer wie Präsident Mohammed Chatami schließlich einlenkten, haben beide Seiten den Iranern kein überzeugendes Bild geliefert. Von einst mehr als 8000 Kandidaten hat der mächtige Wächterrat, das wichtigste politische Gremium im Land, insgesamt mehr als 2300 ausgeschlossen. Nach dem freiwilligen Rückzug weiterer 550 Kandidaten ringen nun noch etwa 5000 Bewerber um die 290 Sitze in der Madschlis, der iranischen Volksvertretung.
Als Begründung für die Disqualifikationen dienten meist angebliche Verstöße gegen islamische Gepflogenheiten. Betroffen sind fast ausschließlich reformorientierte Kandidaten, unter ihnen angesehene Geistliche ebenso wie mehr als 80 der über 210 Reformer, die bislang im iranischen Parlament vertreten sind. Selbst wochenlange Sitzstreiks aufgebrachter Abgeordneter änderten kaum etwas an der Lage, zumal Präsident Chatami um der inneren Stabilität willen auf einen Boykottaufruf verzichtete.
Genau diese Zurückhaltung nehmen bisherige Reformanhänger wie Dariusch ihrem vormaligen Hoffnungsträger übel. "Die Reformer haben nichts gemacht. Chatami hatte die Unterstützung von 22 Millionen Wählern, und doch hat er es nicht gewagt, den Konservativen die Stirn zu bieten", schimpft der junge Mann.
In diesem Gefühl der Enttäuschung liege auch der Grund, weshalb sich die Studenten vor der Wahl auffällig mit Protesten zurückgehalten hätten, glaubt der Generalsekretär des iranischen Ablegers der Demokratischen Partei Kurdistans (DKP), Abdullah Hassansadeh. Die Bevölkerung sei der Meinung, dass es in Fragen von Freiheit, Demokratie und Rechten kaum einen Unterschied zwischen den politischen Kräften gebe. "Meinungsverschiedenheiten gibt es nur darin, wer Macht ausübt und wie das Regime an der Macht zu halten ist."
Nach vier Jahren, in denen die progressiven Kräfte das Parlament - weit gehend folgenlos - dominierten, rechnen Beobachter nun damit, dass die zu erwartende schwache Wahlbeteiligung einen überproportionalen Sieg der Konservativen ermöglicht. Auf diese Weise könnten die Konservativen besonders in den Großstädten Teheran, Maschhad und Isfahan wertvolle Stimmen sammeln. Ein ähnliches Szenario hatten bereits die Kommunalwahlen im Februar vergangenen Jahres ergeben.
Doch es gibt auch Stimmen, die gerade auf-grund der Erfahrungen nach den Kommunalwahlgängen damit rechnen, dass die Wahlberechtigten doch noch zu den Urnen strömen. Vielen seien die Augen aufgegangen, als der neue konservative Bürgermeister von Teheran zunächst einmal Kulturzentren in Gebetssäle verwandelte und Restaurants mit einer hohen jugendlichen Besucherquote dichtmachen ließ, gibt der Politikwissenschaftler Mohammed Atrianfar zu bedenken. "Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Beteiligung schwach sein wird." So hält er es nicht für ausgeschlossen, dass zwar die knapp 70-prozentige Wahlbeteiligung aus dem Jahr 2000 nicht noch einmal erreicht wird, aber doch zwischen 50 und 60 Prozent zusammenkommen.
Mehdi, ein 65-jähriger Rentner, will zur Wahl gehen. "Nicht teilzunehmen würde bedeuten, das Feld den Konservativen zu überlassen." Und Behsad Nabawi, ein Vordenker der Reformer, stimmt ein: "Dann würden wir uns von vornherein in unsere Niederlage fügen."