Herr Binninger, welche Ungereimtheiten soll der zweite NSU-Ausschuss ins Visier nehmen? Unser Hauptzweifel ist, dass der NSU tatsächlich nur ein Trio gewesen ist. Dann wollen wir wissen, ob wirklich kein V-Mann von der Terrorzelle und seinem Aufenthaltsort wusste. Auch ist immer noch offen, ob die Polizistin Kiesewetter 2007 in Heilbronn wirklich ein Zufallsopfer gewesen ist. Es sind also viele Fragen ungeklärt geblieben - übrigens auch rund um die Ereignisse vom 4. November 2011 in Eisenach und Zwickau, als das Trio aufflog.

Warum konnte der erste Ausschuss das nicht aufklären?
Wir haben damals bei Null begonnen und mussten insgesamt im Laufe der Zeit 12.000 Ordner durchforsten. Und das zu einer rechten Verbrechensserie, die sich über Jahre durch mehrere Bundesländer zog. Deswegen konnten wir nicht so in die Tiefe gehen. Jetzt werden wir uns schneller und konkreter um die offenen Fragen kümmern können.

Die Kooperationsbereitschaft der Sicherheitsbehörden war seinerzeit nicht ausgeprägt. Was er erwarten Sie diesmal?
Es ist richtig, wir hatten damals auch Grund zur Kritik an verschiedenen Behörden. Aber: Am Ende haben wir immer bekommen, was wir wollten. Das wird diesmal auch so sein.

Mit Spannung wird beim NSU-Prozess in München die Aussage von Beate Zschäpe erwartet. Werden die Einlassungen Einfluss haben?
Dass Beate Zschäpe jetzt doch eine Aussage machen will, ist eine Entwicklung, mit der viele nicht mehr gerechnet haben. Es liegt so vieles im Dunkeln bei diesem Fall, so dass eine Aussage natürlich hilfreich sein könnte.

Spekulieren Sie mal: Was könnte der Ausschuss unter dem Strich ans Tageslicht fördern?
Spekulationen sind nicht mein Ding. Seriös bewertet, kann es auch sein, dass wir keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse erlangen werden. Aber wir gehen den Dingen jetzt nach, damit wir auch den Angehörigen der Opfer versichern können, dass wir unser Möglichstes getan haben. Nach dem ersten Ausschuss 2013 haben wir 47 Empfehlungen abgegeben, die ursächlich verknüpft waren mit Fehlern, mit Behörden- und Politikversagen. Sie wurden teilweise schon umgesetzt. Weiteren Reformbedarf kann man erst dann objektiv benennen, wenn man auch auf neue Fehler gestoßen ist. Ob das so ist, wird der Verlauf unserer Untersuchungen zeigen.