Am Mahnmal für die getöteten Demonstranten von Kiew liegt der Geruch Hunderter brennender Kerzen in der Luft. Blau-gelbe Ukraine-Flaggen knattern im kalten Herbstwind. Als Präsident Petro Poroschenko einen Kranz für die Opfer der prowestlichen Proteste niederlegt, entlädt sich der Volkszorn. "Schande" und "Lüge" rufen wütende Hinterbliebene.

Ein Jahr nach dem Blutbad am Unabhängigkeitsplatz (Maidan) warten viele Menschen noch immer auf Aufklärung. Poroschenko schlägt den Mantelkragen höher und verspricht, den Toten den Titel "Held der Ukraine" zu verleihen. Dann verlässt er den Gedenk-ort, abgeschirmt von Sicherheitskräften. Es ist eine Szene mit großem Symbolwert. Vor einem Jahr gingen die Bilder der Barrikadenkämpfe auf dem Maidan um die Welt. Längst aber bröckelt der Zusammenhalt in der Gesellschaft. Viele Ukrainer sind wütend, weil versprochene Reformen ausbleiben. Zudem sind die Folgen einer Wirtschaftskrise immer härter zu spüren. Bei 20 Prozent lag die Inflationsrate im Oktober. Für die meisten Menschen in Europas zweitgrößtem Flächenstaat wird das Leben langsam unbezahlbar.

"Wir müssen das Erbe des Maidan bewahren", sagt Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko. Auch er legt an einem der Gedenksteine einen Kranz nieder. Passanten bitten den Boxchampion um ein Autogramm, aber es ist auch Kritik zu hören. Eine ältere Frau droht mit einer "Revolution", falls die Stadtverwaltung den Fahrpreis für die Metro anhebt. Klitschko wirkt genervt. "Wenn es Ihnen zu teuer ist, gehen Sie zu Fuß", seufzt er und wendet sich ab.

Ein Jahr ist es her, dass der damalige Präsident Viktor Janukowitsch am 21. November 2013 seinen EU-Kurs aufkündigte und sich Russland zuwandte. Es folgten Massenproteste und ein Machtwechsel. Der Preis für den Westkurs ist jedoch hoch: Die Halbinsel Krim ist von Russland annektiert, und der Osten der Ukraine wird von einem Kampf gegen moskautreue Separatisten ausgezehrt. Mehr als 4000 Menschen kamen bei den Gefechten bereits ums Leben - darunter Hunderte Zivilisten. Auch auf dem Maidan gingen die Träume von einem friedlichen Wandel in Rauch auf. Das bei den Kämpfen abgebrannte Gewerkschaftshaus ist mit großen Planen abgehängt. Fotos der Proteste hängen am Bauzaun. Dutzende gedenken anhand der Bilder noch einmal der historischen Ereignisse. Die Frage "War es das wert?" spricht niemand laut aus.

Russland betrachtet die Ukraine als "Einflusssphäre"- wohl auch deshalb reist US-Vizepräsident Joe Biden am Jahrestag demonstrativ in die Hauptstadt am Dnjepr. Washington werde Kiew weiterhin unterstützen, sagt Biden im Gespräch mit Präsident Poroschenko.

Nur wenige Stunden zuvor vereinbaren die prowestlichen Kräfte in Kiew eine Koalition. Eins ihrer Ziele ist ein Beitritt zur Nato - die ukrainische Politik bleibt ein Jahr nach den Protesten eine riskante Gratwanderung zwischen Russland und dem Westen. Auch das Gedenken ist an diesem Tag gespalten. Bei Temperaturen knapp über null Grad und strahlendem Sonnenschein patrouillieren rund 3000 Uniformierte durch Kiew. Als es langsam dunkel wird, erstrahlt das Unabhängigkeitsmonument in den Staatsfarben Blau und Gelb. Ein Blumenmeer verdeckt den Fuß der Säule. Trotz vieler Menschen ist es auffällig still.