Die Szene wirkt unwirklich: Die Statue "Krieg" vom berühmten Niederwalddenkmal liegt auf dem Rücken. Ganz so, als müsse sie sich nach großen Strapazen ausruhen. Ein Flügel der fast acht Tonnen schweren Bronzefigur, von Granattreffern aus dem Zweiten Weltkrieg gezeichnet, ist demontiert. Restauratoren des Denkmalpflege-Fachbetriebs Fuchs und Girke aus Ottendorf-Okrilla bei Dresden sind dabei, Teile des 1883 fertiggestellten Denkmals aufzuarbeiten. Die Arbeiten in Sachsen sind fast beendet. In den nächsten Wochen nun kehren die mächtigen Bronzeteile zurück nach Hessen.

"Unsere Hauptaufgabe bei der Restaurierung besteht in der Beseitigung witterungsbedingter Schäden", sagt der Technische Leiter, Holger Wehner. Neben der Figur "Krieg" wurden noch zwei Reliefs sowie die Krone der Hauptfigur "Germania" in die sächsische Werkstatt gebracht. Die dominierende "Germania" selbst - auch als "Wacht vom Rhein" bekannt - und weitere Teile des Denkmals restaurieren die Fachleute vor Ort in Hessen am Tor zum Weltkulturerbe "Oberes Mittelrheintal". Die sächsische Firma ist nach eigenen Angaben für alle Metallteile des Denkmals verantwortlich, eine Firma aus Thüringen wiederum saniert die Bestandteile aus Stein.

Für die Reinigung der trotz ihres tonnenschweren Gewichts äußerst filigranen Bronzegüsse brauchen die Spezialisten vor allem eines: Fingerspitzengefühl und viel Geduld. Bis in die kleinsten Ecken muss eine 0,4 bis knapp einen Millimeter dicke Schmutzschicht entfernt werden, sagt Chefrestaurator Florian Schweinsteiger, der jede Woche vier Tage in Hessen am Denkmal arbeitet und einen Tag in der sächsischen Werkstatt plant.

Die Fachleute nutzen für die Reinigung Spachtel, Chirurgen skalpelle, Ultraschallreiniger - und kommen dabei nur quadratzentimeterweise voran. Die Arbeitsabläufe und die verwendete Technik erinnern daran, wie ein Zahnarzt bei seinen Patienten den Zahnstein entfernt, sagt Schweinsteiger. Der Projektleiter zeigt ausgespülten Kalk und Mineralien aus dem Gestein, die über das seinerzeit bei der Firma Bierling in Dresden gegossenen Relief "Heimkehr" abliefen und ihre Spuren hinterlassen haben. Der Schmutz stammt aus der Industrie des Rhein-Main-Gebietes und aus den Schornsteinen der Rheinschiffe, die unterhalb des Denkmals durch die romantische Landschaft ziehen.

Der Auftraggeber, die Hessische Schlösserverwaltung, lege Wert darauf, dass die Patina erhalten bleibt, sagt Schweinsteiger. Deshalb dürfen die Denkmalpfleger die Schichten der vergangenen Jahrzehnte nicht bis auf den Bronzeguss entfernen. "Die lange Geschichte des Denkmals soll sichtbar bleiben", sagt Anja Dötsch, Bauexpertin der Schlösserverwaltung in Bad Homburg vor der Höhe. Deshalb würden auch nur die Einschüsse und Granatlöcher verschlossen, durch die Wasser eindringen kann, wodurch Korrosion droht. Diese verschließt die sächsische Firma je nach Größe mit Blechen oder Bronzegussstücken von einer Stange, in die ein Gewinde zum nahtlosen Eindrehen gefräst wurde. Die Stellen werden anschließend nachgedunkelt.

Die restlichen Munitionsschäden, etwa am rechten Fuß der Statue "Krieg", sollen erhalten bleiben und die wechselvolle Geschichte des Denkmals in Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) zeigen.

Jä hrlich besuchten rund 1,5 Millionen Menschen den markanten Aussichtspunkt oberhalb von Rüdesheim am Rhein. Die Sanierung des Denkmals kostet nach Dötschs Angaben 2,15 Millionen Euro, für dieselbe Summe wird noch das Umfeld aufgewertet. Diese Arbeiten sollen bis zum Herbst abgeschlossen sein. In ein Besucherzentrum und die Reaktivierung des Osteinschen Landschaftsparks aus dem 18. Jahrhundert, in den das Denk mal vor 129 Jahren gesetzt wurde, sollen in den nächsten Jahren nochmals 7,5 Millionen Euro gesteckt werden.

Zum Thema:
Für die sächsische Firma Fuchs und Girke Bau und Denkmalpflege GmbH in Ottendorf-Okrilla ist die Restaurierung des Niederwalddenkmals nur einer von zahlreichen Prestigeaufträgen. An der Sanierung fast aller barocken Gebäude Dresdens war die Firma mit 130 Mitarbeitern beteiligt. Zudem betreuen die Fachleute den Goldenen Reiter am Dresdner Neumarkt und beseitigten zuletzt 2011 Vandalismusschäden am Standbild August des Starken. Für öffentliche Aufmerksamkeit sorgte die Sanierung der Berliner Siegessäule zwischen 2009 und 2011. Die "Gold-Else" in der Bundeshauptstadt ist ebenfalls durch Fachleute der sächsischen Firma Fuchs auf Vordermann gebracht worden. Zudem ist das Unternehmen beim Wiederaufbau zahlreicher historischer Gebäude im Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach im Taunus beteiligt. Die Firma hat nach eigenen Angaben rund 130 Mitarbeiter in den Gewerken Kupferklempner, Steinbildhauer, Kunstschmiede, Kirchenmaler, Stuckateure und Zimmerer. Die Firma wurde 1991 aus einem Teil des damaligen VEB Denkmalschutz Dresden heraus gegründet und gehört seit 2000 zur Werner-Gruppe, einem Bauspezialisten aus Kalbach bei Fulda.