Hasan Tatari verblüfft mit schonungsloser Ehrlichkeit. "Die Tiere sind meine Familie. Für eine eigene fehlt mir in meinem Beruf einfach die Zeit", sagt der 49 Jahre alte Leiter der Tierschutzstation in Markgrafpieske (Oder-Spree) bei Fürstenwalde. Seit sechs Jahren leitet der in Syrien geborene Veterinärmediziner die Einrichtung des Vereins "Pro Animale für Tiere in Not" auf dem weitläufigen Gelände eines früheren Bauernhofes. Er kümmert sich mit zwölf Mitarbeitern um die möglichst artgerechte Haltung von 160 Katzen, Hunden, Pferden, Schafen, Ziegen und Kamelen. Tatari entschied sich vor rund 30 Jahren für ein Studium in Deutschland - und er ist geblieben.

Vater und Mutter leben in Syrien

Auch wenn er es nicht gern zugeben würde, die Sorge um seine tierischen Schützlinge lenkt Tatari auch ab von den traurigen Gedanken an seine eigentliche Heimat. Vater und Mutter sowie einige Geschwister leben noch dort, in der zweitgrößten syrischen Stadt Aleppo. Diese ist aufgrund ihrer strategischen Lage zwischen Mittelmeer und Euphrat seit 2012 stark umkämpft.

"Meine Eltern sind zu alt, die wollen nicht mehr fort. Und meine Geschwister gehen aus Verantwortung ihnen gegenüber nicht weg", beschreibt Tatari die Situation knapp.

Dass derzeit Hunderttausende seiner Landsleute Syrien den Rücken kehren, dafür hat Tatari durchaus Verständnis, wie er versichert. "In Syrien kämpft jeder ums Überleben. Du weißt morgens nicht, ob du am Abend noch lebst." Er selbst habe schon einige Angehörige verloren. Der Tierheim-Leiter spricht schnell, ein nahezu perfektes Deutsch. "Ich fühle mich wohl, bin hier voll integriert, habe nur deutsche Freunde", erklärt Tatari, der in einem Nachbardorf von Markgrafpieske wohnt.

Integration, so sagt er, sei das A und O, um als Fremder wirklich in der deutschen Gesellschaft anzukommen. Und die fange mit dem Beherrschen der Sprache an. Als Tatari 1986 sein Studium an der Freien Universität Berlin begann, sei das Deutschlernen zunächst seine größte Herausforderung gewesen. "Aber ich mochte die Sprache, ebenso wie die deutsche Kultur, wollte in der Bundesrepublik dauerhaft leben. Insofern hatte ich genügend Motivation."

Seine erste Arbeitsstelle führte ihn Anfang der 90er-Jahre in eine Tierarztpraxis nach Fürstenwalde, 2009 ging es weiter nach Markgrafpieske. In Syrien war Tatari zuletzt vor acht Jahren. "Da war noch alles friedlich", meint er. Inzwischen seien Menschenleben in seiner Heimat wertlos geworden. "Dieser Krieg ist so brutal. Es ist grausam, so etwas im 21. Jahrhundert noch erleben zu müssen."

Die Aufnahme der Flüchtlinge rechnet der Tierarzt der Bundesrepublik hoch an, wie er sagt. Kein anderes europäisches Land habe sich so engagiert. Allerdings könne das allein nicht die Lösung sein, glaubt der Syrer. "Flüchtlinge müssen integriert werden, sonst entstehen Parallelgesellschaften, und das ist gefährlich." Die Flüchtlingsströme könne Deutschland in dieser Hinsicht personell womöglich nicht mehr bewältigen, gibt er zu bedenken.

"Im Moment steht die Unterbringung der Flüchtlinge im Vordergrund", betont die Brandenburger Integrationsbeauftragte Doris Lemmermeier. "Maßnahmen zur Integration der Flüchtlinge werden die Herausforderung der nächsten Zeit sein." Besonders wichtig sind dabei ihren Angaben nach Spracherwerb, Bildung und Integration in den Arbeitsmarkt.

Weltpolitik soll Krieg beenden

"Vor Ort, in Syrien, muss geholfen werden. Die Weltpolitik sollte mit ihrem Einfluss den Krieg beenden", fordert Tatari. Dann würden viele seiner Landsleute, die jetzt ihr Heil in der Flucht suchten, nach Hause zurückkehren. "Die meisten sind sehr heimatverbunden, die wollen nicht auf Dauer in der Fremde leben", glaubt Tatari.

Wer sich als Flüchtling allerdings dafür entscheide, in Deutschland zu bleiben, für den sei es wichtig, die Kultur und die Gesellschaft der neuen Heimat zu akzeptieren. "Der Neuankömmling darf sich nicht abschotten, sondern muss selbst viel dafür tun, sich tatsächlich einzuleben", gibt der 49-Jährige seinen Landsleuten mit auf den Weg. Und: Flüchtlinge dürften nicht vergessen, dass sie Gast seien. "Und als solche sollten sie sich auch benehmen", meint Tatari in Hinblick auf die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Flüchtlingsunterkünften.