Wäre bei der Demonstration 7. Oktober 1989 in Plauen das Westfernsehen dabei gewesen, wäre die Vogtlandmetropole als Brennpunkt der friedlichen Revolution in die Geschichte eingegangen. Doch die Journalisten-Kollegen fanden erst zwei Tage später den Weg nach Leipzig, wo die eindrucksvolle Masse der 70 000 gegen die SED auf die Straße ging. Deswegen stieg der zentrale Festakt nicht am Dienstag im Plauener Theater, sondern am gestrigen Donnerstag im Leipziger Gewandhaus.

Dass die selbst ernannte "Heldenstadt" auf die Ereignisse des Wendeherbstes abonniert ist, sorgt jeden Herbst aufs Neue für Debatten. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) lächelte darüber gestern charmant hinweg: "Wir maßen uns keinen Alleinvertretungsanspruch an", sagte der 56-jährige Rathauschef auf dem Gewandhauspodium. Doch dieser 9. Oktober 1989 habe die Ereignisse unwiderruflich in Bewegung gebracht. "Ohne sie wäre das Gesicht Europas heute ein anderes."

Bundespräsident Joachim Gauck sprach in seiner Festrede von einer "epochalen Zäsur", die im Frühjahr 1989 mit der Beseitigung von Minen und Zäunen an der ungarischen Grenze begann. Er habe die Präsidenten von Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei zum Jubiläum bewusst nach Leipzig eingeladen. Denn: "Kein 9. November ohne den 9. Oktober. Vor der Einheit kam die Freiheit", so der Bundespräsident. Gauck würdigte die Zehntausenden, die damals "ihre Angst vor den Unterdrückern überwanden, weil ihre Sehnsucht nach Freiheit größer war als ihre Furcht". Und er betonte das Gesamteuropäische an den Ereignissen in Ostdeutschland. "Nun schon ein Vierteljahrhundert lang wissen die Bürger Mittelosteuropas dem Westen des Kontinents zu berichten, welche Kraft die Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie, nach Menschen- und Bürgerrechten entfaltet." Er empfinde heute Befreiung noch beglückender als Freiheit, erklärte der ehemalige Pfarrer aus Rostock.

Doch dazu wagte Sachsens Ministerpräsident einen kritischeren Blick aufs Hier und Jetzt. "Damals war die Demokratie eine Verheißung. Heute sehen viele nur die Mühen der Ebene", bedauerte Stanislaw Tillich (CDU) und verwies auf die alarmierend niedrige Beteiligung an den jüngsten Wahlen. "Der Geist der Gemeinschaft, die sich für ein gemeinsames Ziel einsetzt, scheint sich verflüchtigt zu haben. "Ich frage mich schon: Was mag wohl einer der 70 000 empfinden, die vor 25 Jahren unter Einschluss aller Gefahren für die Freiheit auf den Leipziger Ring gingen?"

Dagegen beschwor Landtagspräsident Matthias Rößler (CDU) mit markig formulierter Erinnerung den Geist von 1989: "Wir schufen die Voraussetzung dafür, dass sich Deutschland mit der Zustimmung seiner Nachbarn in Ost und in West in Frieden, Demokratie und Freiheit wieder vereinigen konnte."

Fast doppelt so viele wie damals marschierten am Abend beim Lichtfest mit - auf der Route der Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989. Internationale Künstler flankierten den Weg mit ihren ganz eigenen Sichtweisen zur historischen Zäsur von Leipzig.