Seine Entscheidung fällt der Chirurg nach einem ernüchternden Gespräch mit dem Vorgesetzten. "Nur bei Eignung und Bewährung" könne die Bundeswehr seinen Einsatz verlängern. Eine neue Stelle werde ihm zunächst lediglich für zwei Jahre als Zeitsoldat angeboten. "Ich dachte, dass ich mich im Auslandseinsatz bei Beschuss und Granateneinschlägen genug bewährt hätte", sagt Hans-Joachim Fischer.Elf Jahre stand der Oberarzt als Unfallchirurg im Dienst der Bundeswehr: "520 Tage davon war ich im Ausland, in Bosnien, Kosovo und Afghanistan." Anfang des vorigen Jahres hat er mit 48 Jahren den Dienst quittiert. Er ist einer von 97 Ärzten, die nach aktuellen Angaben der Bundesregierung 2008 der Truppe den Rücken gekehrt haben. In den beiden Jahren zuvor waren es jeweils nicht mehr als zehn Mediziner.Fischer hat im vergangenen Jahr in der Eifel eine Gemeinschaftspraxis für Chirurgie eröffnet. Die meisten seiner jungen Kollegen werden aber von Krankenhausunternehmen abgeworben. Sie bieten den Ärzten eine bessere Bezahlung. Um 600 Euro hat die Bundeswehr deshalb Ende vergangenen Jahres den Sold erhöht. Doch die Bezahlung spiele nicht die größte Rolle, sagt der einstige Truppenarzt Fischer. "Man fühlt sich von der Führung nicht mehr verstanden." Viele Ärzte hätten den Eindruck, dass sie mit ihrer Karriere bei der Bundeswehr nicht weiterkämen.Zu den 97 Sanitätsoffizieren, die vergangenes Jahr aus dem Dienst austraten, zählt auch ein junger Assistenzarzt. Er möchte seinen Namen nicht nennen, da in nächster Zeit die Verhandlungen über die Rückzahlung der Kosten seiner Ausbildung anstehen. Er weiß jetzt schon, dass er mindestens 100 000 Euro zurückzahlen muss. Der Austritt war trotz Verpflichtung nur möglich, weil der Soldat wie viele seiner Kollegen als Staatsbediensteter in den Beamtenstatus an eine Universitätsklinik wechselte.Für den Assistenzarzt war der Faktor Auslandseinsatz kein Grund, den Dienst zu verlassen. "Die meisten Ärzte, die gehen, haben den Kameraden gegenüber deshalb sogar ein schlechtes Gewissen", sagt der junge Mann. Wer sich heutzutage bei der Bundeswehr verpflichte, sei sich über diese Konsequenz bewusst. Vielmehr kritisiert der Assistenzarzt "die Personalführung in der Bundeswehr". Versetzungen würden nur "sehr kurzfristig" angemeldet und kaum mit Rücksicht auf gewünschte Standorte umgesetzt. "Die Bundeswehr kommuniziert nicht transparent, wie die dienstliche Planung des Soldaten in den nächsten Jahren weitergehen könnte", sagt der junge Mediziner. "Man wird hingehalten." Zudem beklagt er Personalmangel gerade im Bereich der Operations-Assistenz: "Viele OPs dauern dadurch einfach länger oder müssen verschoben werden."429 Ärzte fehlen nach Angaben der Bundesregierung der Bundeswehr zurzeit. Das geht aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion hervor. Die Regierung habe "das personelle Ausbluten des Sanitätsdienstes zu verantworten. Auch die kurzfristig gesetzten Anreize für die Fachärzte verpuffen", sagt die FDP-Wehrexpertin Elke Hoff. Sie kritisiert, dass mit den 600 Euro Solderhöhung nicht die Ursachen der Probleme bekämpft würden. Ein Grund für den "Personal-Exodus" sieht Hoff in der Ausgliederung des Sanitätsdienstes als selbstständigen Organisationsbereich neben Heer, Luftwaffe und Marine."Der sprunghafte Anstieg" der Austritte im Jahr 2008 lasse bei einer "Verstetigung" des Problems erwarten, dass künftig der erforderliche Personalbestand nicht erfüllt werden könne, sagt Sanitätsdienst-Sprecher Oberfeldarzt Tobias Gamberger. Er begründet die Abwanderung mit einer verschärften Konkurrenz-Situation auf dem Markt. Zivile Krankenhausbetreiber hätten mit "erheblichen Veränderungen der Tarifbedingungen" und "außertariflichen Vergünstigungen" im vergangenen Jahr stärker Personal für sich gewinnen können. Auch einen allgemein zunehmenden Ärztemangel im deutschen Gesundheitssystem führt Gamberger als Grund an.Eine Arbeitsgruppe der Bundeswehr soll nun die Probleme im Sanitätsdienst aufzeigen und Lösungsvorschläge machen. "Im Sommer 2009 soll ein Abschlussbericht vorliegen", sagt Gamberger. Das Konzept werde "Vorschläge zur Steigerung der Laufbahnattraktivität" und "Erhöhung der Funktionalität" des Sanitätsdienstes machen. In der Bundeswehr erhofft man sich, dass von der Initiative eine Signalwirkung ausgeht und die Ärzte der Truppe künftig treu bleiben. Für Hans-Joachim Fischer, den jungen Assistenzarzt und viele seiner Kollegen kommen diese Vorschläge allerdings zu spät.