Erinnerung an große Erfolge. Heute ist Gerd Audehm auf die ständige Hilfe seiner Eltern angewiesen.Ein kleines weißes Einfamilienhaus in einer ruhigen Seitenstraße in Brieske. Hier verbrachte Gerd Audehm Jahre seiner Kindheit, bevor er in das Internat der damaligen Kinder- und Jugendsportschule nach Cottbus zog. Dort begann seine erfolgreiche Karriere, die den großen, blonden Lausitzer 1993 und 1994 bis ins Team Telekom bei der Tour de France brachte. Vor reichlich zwei Jahren kehrte Gerd Audehm nach Brieske zurück, im Rollstuhl.
Den hat er inzwischen längst verlassen. Er kann wieder laufen, doch Gerd Audehm ist noch immer auf Hilfe und Betreuung angewiesen. Sein Gedächtnis funktioniert nur kurz oder gar nicht, die Folge eines Herzstillstandes und anschließenden Schlaganfalls, den er im Juli 2000 erlitten hatte.

Hilfe rund um die Uhr
Durch die unterbrochene Durchblutung wurde sein Gehirn schwer geschädigt. Nur einen Teil der verlorenen Funktionsfähigkeit konnte er inzwischen langsam zurückgewinnen. Als Ursache des Herzstillstandes wird eine nicht richtig ausgeheilte Virusinfektion vermutet. Gewissheit darüber gibt es nicht.
„Wir können ihn keine Stunde allein lassen“ , sagt Gerlinde Köppe, die Mutter von Gerd Audehm. Zusammen mit ihrem Mann Lothar pflegt sie ihren Sohn. Das ganze Leben der Familie hat sich dadurch verändert. Wenn Gerlinde Köppe ihren Halbtagsjob versieht, bleibt ihr Mann, der schon Rentner ist, zu Hause oder einer der beiden Brüder von Gerd Audehm. Einfach mal in den Urlaub fahren, ist unmöglich.
Von Spendengeldern konnte die Familie eine zusätzliche private Rehabilitation für Gerd Audehm finanzieren. Die Familie ist allen, die dafür Geld überwiesen haben, noch heute sehr dankbar. Vor einem Jahr konnten sie ein Wochenende zusammen mit Sohn Gerd im Hotel „Zur Bleiche“ in Burg im Spreewald verbringen, als „Gäste des Hauses“ . Davon schwärmt Gerlinde Köppen noch heute.

Erinnerung an Sportfreunde
Gerd Audehm dagegen kann sich nicht mehr daran erinnern. Auch wie er im Sommer vor fast drei Jahren, zwei Jahre nach Beendigung seiner Profilaufbahn, beim Fitnesstraining bewusstlos zusammenbrach, ist aus seinem Gedächtnis gelöscht. Auch dass er verheiratet war, eine Tochter hat, ist ihm nicht mehr bewusst. „Ich weiß, dass ich hier bin und meine Mutti auf mich aufpasst“ , sagt er, „mehr weiß ich nicht.“
Der einstige Spitzensportler sitzt etwas zusammengesunken auf dem Sofa. Wenn seine Mutter ihn lobt, weil er sich an eine Kleinigkeit erinnert, eine Frage richtig beantwortet hat, schiebt er manchmal die Unterlippe ungläubig vor, als könne er es selbst nicht ganz glauben. Mit etwas Mühe fallen ihm aber die Namen von einstigen Sportkameraden wie Steffen Blochwitz, Lutz Heßlich und Bernd Drogan ein, mit denen er zusammen auf der Sportschule war und die heute noch Kontakt mit ihm halten.
Gerlinde Köppen ist für ihren Sohn Gerd wieder zur wichtigsten Bezugsperson geworden, so wie damals, als er ein kleiner Junge war. „Manchmal könnte ich weinen, ihn so hilflos zu sehen“ , sagt seine Mutter, „da habe ich mächtig zu kämpfen.“ Sie hilft ihm morgens im Bad und beim Anziehen, tagsüber hilft er ihr mit kleinen Handreichungen im Haushalt. Zweimal pro Woche fährt sie ihn zur Ergotherapie. Dort werden sein Gedächtnis und seine motorischen Fähigkeiten trainiert. Zweimal pro Woche kommt eine Physiotherapeutin ins Haus. Durchblutungsstörungen in den Fingern, auch Folge der Hirnschädigung, führen immer wieder zu Wunden, die versorgt werden müssen.

Keine Rente
Vorgestern musste die Familie eine schlechte Nachricht verkraften. Das Sozialgericht entschied, dass Gerd Audehm keine Rente zusteht. „Er hat zu wenige Monate in die Rentenkasse eingezahlt, um jetzt einen Anspruch zu haben“ , sagt sie. In seiner Profizeit von 1990 bis 1998 habe Gerd nicht an eine freiwillige Rentenversicherung gedacht, bedauert sie. Eine Sorglosigkeit, die sich nun bitter rächt. Im November endet die Arbeitslosenhilfe, die Gerd Audehm jetzt noch bekommt.
Von den vielen Preisen und Medaillen, die Audehm in seiner Kariere erhielt, stehen nur wenige im Wohnzimmerschrank, darunter ein nachgebildeter Radfahrer, der zum Sprint ansetzt. Die anderen Pokale stehen in seinem Schlafzimmer und auf dem Dachboden. Dort hat Stiefvater Lothar Köppen sogar noch die ersten Siegerkränze aufbewahrt, die Gerd als Jugendlicher errang.
Dass ihr Sohn Leistungssportler wurde, damit hadern seine Eltern nicht. „Der Sport war immer sein Ein und Alles, das hätte ich ihm gar nicht verbieten können“ , sagt seine Mutter. Deren größte Sorge ist es, dass sie selbst krank werden und ihren Sohn Gerd nicht mehr pflegen könnte. Denn dass er irgendwann mal in ein Heim kommen könnte, dass will sie in jedem Fall verhindern.
Gerlinde und Lothar Köppen sind froh über jeden kleinen Fortschritt im Gesundheitszustand ihres Sohnes Gerd. „Als er Weihnachten 2000 nach Hause kam, war er sehr hilflos und saß im Rollstuhl“ , erinnert sich seine Mutter, „kein Vergleich damit, wie es ihm heute geht.“ Daran, dass Gerd Audehm eines Tages vielleicht wieder so gesund wird, dass er ohne Betreuung leben kann, denkt seine Mutter im Moment nicht. Kürzlich war sie mit ihrem Sohn in einer Behindertenwerkstatt in Senftenberg. „Als wir an der Tür waren, hatte er schon wieder zum Teil vergessen, was er sich gerade angesehen hatte“ , erinnert sich Gerlinde Köppen. Gerd sei eben noch nicht so weit, dass er dort eine Beschäftigung finden könnte. Dass er das doch noch schafft, daran glaubt sie, das ist ihr nächstes Ziel.
Niemand weiß, ob und wie weit sich der Gesundheitszustand von Gerd Audehm weiter bessern wird. „Wir hoffen natürlich, aber keiner kann uns Gewissheit geben, auch die Ärzte nicht“ , sagt Gerlinde Köppen. Nach einer kleinen Pause fügt sie hinzu: „Aber vielleicht geschieht ja noch ein kleines Wunder.“