Für die rechte Szene ist Philipp Rösler ganz klar "kein Deutscher". In einschlägigen Internetforen wird er als "Fidschi" oder, in Verballhornung seines Vornamens, auch als "Fipsi" verunglimpft. Bisher ist der FDP-Vorsitzende dagegen nicht vorgegangen. Und er regt sich jetzt auch nicht über den hessischen FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn auf, der öffentlich gefragt hat, "ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren". Rösler glaubt, dass Hahn allenfalls ungeschickt formuliert hat. "Jörg-Uwe Hahn ist über jeden Verdacht des Rassismus erhaben", erklärte der Wirtschaftsminister am Freitag.

Aber nun ist das Thema öffentlich. Parteifreunde wie der Chef der Jungen Liberalen, Lasse Becker, berichten, dass sie häufig rassistische Äußerungen gegen den Vizekanzler hören. Becker zitiert Bürger: "Ich würde euch ja wählen, aber dafür müsste erst einmal der Chinese weg." Auch Rösler weiß, dass es "Schlitzauge-Sprüche" gibt, wie er selbst es nennt.

Wenn man mit ihm darüber redet, spürt man ein gewisses Erstaunen. Er selbst empfindet sich nämlich gar nicht als asiatisch. Sein Adoptivvater, erzählte er einmal, musste ihn als Kind vor den Spiegel stellen, um ihm die Sache klarzumachen. Mit neun Monaten kam Rösler als vietnamesisches Findelkind nach Deutschland. Heimat, das ist für ihn Niedersachsen, genauer: Bückeburg. Schützenfest, katholische Kirche, Bundeswehr, FDP-Landeschef, Bundesminister, Vizekanzler. "Viel mehr deutsch kann man nicht sein", meint er.

Er absolvierte das Ostfriesen-abitur: "Teetrinken, Krabbenpulen, Padstockspringen und Kuhmelken". Die Töchter heißen Grietje und Gesche. In der Schule wurde er nie angepöbelt. Rösler ironisch: "Bei Asiaten denken immer alle, man kann Karate." Ihn hat amüsiert, als eine niedersächsische Zeitung einmal ein Foto veröffentlichte, das ihn zusammen mit einer dunkelhaarigen, ebenfalls asienstämmigen FDP-Politikerin zeigte: "Herr Rösler mit seiner Frau", stand darunter. Seine Ehefrau heißt aber Wiebke und hat blonde Haare. Als er 2009 zum Bundesminister ernannt worden war, sprach ihn im Bundestag ein Kellner an und sagte, es sei schön, dass jetzt "einer von uns" Minister werde. Rösler: "Einer von uns? Ich bin doch ein Gelber und kein Schwarzer."

Aber auch in Politik und Medien gibt es Anspielungen. Eine Fernsehdebatte über Röslers Wahl zum FDP-Vorsitzenden begannen zwei sonst durchaus seriöse Hauptstadtkorrespondenten im Mai 2011 mit dem Ausruf: "Asia-Wochen!"

Und Stefan Raab sagte kürzlich in einer Sendung, Rösler würden jetzt beim Essen sicher "die Stäbchen aus der Hand fallen". Der Chef der FDP-Bundestagsfraktion, Rainer Brüderle, befand nach der NRW-Wahl 2012, Glaubwürdigkeit gewinne man nicht, "indem man wie ein Bambusrohr hin und her schwingt, sondern steht wie eine Eiche. Deswegen ist die Eiche hier heimisch und nicht das Bambusrohr". Rösler hatte diesen Vergleich freilich selbst provoziert, weil er zuvor auf sich bezogen gesagt hatte: "Der Bambus wiegt sich im Wind und biegt sich im Sturm, aber er bricht nicht."

Rösler hält sein Äußeres auf andere Art für ein Problem. Denn zusätzlich zu seinem fremden Aussehen kommt noch das jugendliche Alter von ihm selbst (39 Jahre) und der anderen FDP-Promis wie Daniel Bahr (36) und Christian Lindner (34) hinzu. Tatsächlich hört man im politischen Betrieb in Berlin viel öfter das Wort "Kindergarten", wenn über die Führung der FDP die Rede ist, als die Bezeichnung "Chinese". Deshalb wollte Rösler schon immer, dass auch andere "Typen" die Partei nach außen repräsentieren, gestandene Politiker wie Rainer Brüderle (67) oder eben auch Jörg-Uwe Hahn (56). Nun hat der eine eine Sexismusdebatte am Hals und der andere steht unter Rassismus-Verdacht.