Der Bahnhof Elsterwerda einen Tag nach dem verheerenden Unglück. Staatsanwalt Dieter Schultz sprach im Prozess von einem "Bild des Grauens wie nach einem Bombenabwurf".Hagen T. (38) aus Koblenz bei Hoyerswerda und Andreas N. (44) aus Berlin sind gestandene Eisenbahner. Mehr noch als ihre abschließenden Worte vor dem Urteil der 2. Großen Strafkammer des Landgerichtes Cottbus drücken ihre Tränen aus, wie schwer sie ihre Fehler belasten, die zur Katastrophe von Elsterwerda geführt haben. Der eine, Triebfahrzeugführer Hagen T., hat die Ventile der Bremsleitung nach dem Ankoppeln der Lok nicht geöffnet. Der andere, Zugvorbereiter Andreas N., hat die Nichtfunktion der Bremse bemerkt, es im Stress der verhängnisvollen Nacht des 20. November 1997 aber vergessen, eine erneute Bremsprobe durchzuführen.
Sie fühlen sich verantwortlich dafür, dass der Zug an jenem Novembertag um 6.42 Uhr ungebremst mit 80 Kilometer je Stunde und damit doppelt so schnell wie erlaubt über die Weiche 15 des Bahnhofs in Elsterwerda raste. Dort riss die Lok vom Haken, 15 der 22 Kesselwagen, gefüllt mit Benzin, entgleisten. Eine Stichflamme schoss in den Himmel. Elf Wagen brannten aus, weil sie undicht waren. Die Explosion von Kesselwagen Nummer fünf um 6.59 Uhr verschärfte das Inferno noch. Zwei Feuerwehrleute starben, sieben Menschen wurden lebensgefährlich verletzt.

Tiefe Wunden
„Diese Katastrophe hat tiefe Wunden hinterlassen“ , sagt der Triebfahrzeugführer. Wer aber trägt die Schuld? Im strafrechtlichen Sinne sein Mandant nicht, meint Rechtsanwalt Günter Albrecht, der den Lokführer verteidigt. Er hat den tausendfach zuvor zuverlässig ausgeübten Handgriff, nämlich die Hähne der Bremsleitung zu öffnen, „unbewusst unterlassen“ . Kein Lokführer fahre vorsätzlich einen Kesselwagenzug, bei dem die Bremsen nicht funktionieren. Er würde eine Selbsttötung mit in Kauf nehmen, argumentiert er.
Verteidiger Jürgen Pufahl erkennt, wenn überhaupt, eine geringfügige Schuld des Zugvorbereiters, dass es zu einem gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr kam, wie es im Strafgesetzbuch heißt. Auch eine daraus resultierende fahrlässige Körperverletzung könne man nicht verneinen. Für den Tod der Feuerwehrleute aber wäre der Zugvorbereiter nicht verantwortlich. Obwohl eine „Riesenfeuersäule“ und ein Zeuge vor der Gefahr gewarnt hätten, sei „eine Schar neugieriger Feuerwehrleute zur Unglücksstelle gerannt“ , was eine „unverantwortliche Eigengefährdung“ gewesen sei, stellt der Verteidiger des Zugvorbereiters fest. Obwohl zur Ausrüstung der freiwilligen Feuerwehr gehörend, seien nicht einmal die Schutzanzüge angezogen worden. Zudem habe der Fahrdienstleiter vom Bahnhof Elsterwerda trotz der Warnung einige Minuten vor dem Heranrasen des Zuges nicht versucht, diesem durch veränderte Weichenstellungen einen ungefährlichen Geradeaus-Weg zu weisen.

Wohngebiet in Bahnhofs-Nähe
Für Staatsanwalt Dieter Schultz aber hatten die Angeklagten im „Zusammenspiel der Pflichten im Bahnverkehr“ die ihren „grob fahrlässig verletzt“ . Dadurch sei es zu einer Kettenreaktion mit schlimmen Folgen gekommen. Ein „Bild des Grauens wie nach einem Bombenabwurf“ hätte sich in Elsterwerda geboten. Nicht auszudenken, wenn mehrere Kesselwagen explodiert wären, wo sich doch in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bahnhof ein dicht besiedeltes Wohngebiet befindet, sagt er in seinem Plädoyer. Eine Freiheitsstrafe von zwölf Monaten für Zugvorbereiter Andreas N. und von zehn Monaten für Triebfahrzeugführer Hagen T. sowie je 3000 Euro Geldbuße müssten für die Verstöße gegen Bahnbestimmungen, die Menschenleben kosteten und Millionen Euro Schaden anrichteten, ausgesprochen werden, fordert Dieter Schultz.
Heftig kritisiert der Staatsanwalt das Management bei der Bahn. Unverantwortlich sei es, wenn, wie in der verhängnisvollen Nacht geschehen, der Zugvorbereiter drei Züge gleichzeitig abfertigen müsse. Stressbewältigung werde nicht trainiert, die Kommunikationsbedingungen seien veraltet. Die Katastrophe von Elsterwerda wurde seiner Auffassung nach nicht gründlich genug ausgewertet, die psychologische Betreuung der Opfer und der an dem Unglück Beteiligten habe viel zu spät begonnen.
Warum der Zug ungebremst in den Bahnhof raste, ist geklärt. Warum ausgerechnet der fünfte Kesselwagen explodierte, darauf konnte auch das Gerichtsverfahren keine endgültige Antwort geben. Wahrscheinlich war ein Überdruck entstanden, der sich mit einer Druckwelle entlud, die Menschen Meter weit zurückschleuderte und Mauern zum Einsturz brachte. Das aber war letztlich nur die Folge der Fehler auf dem Bahnhof in Berlin-Grünau, hebt der Vorsitzende Richter Stefan Fiedler in seiner Urteilsbegründung hervor. Er spricht von einer „Verkettung unglücklicher Umstände“ . Das Zusammenspiel von „tragischem Fehlverhalten“ der beiden Angeklagten und das Missverständnis zwischen ihnen bei der Bremsprobe habe zu dem Unglück geführt. Beide hätten den Zug nicht bewusst ungebremst in Fahrt gesetzt, allerdings gegen wichtige Bestimmungen der Bahn verstoßen. Sie seien keine Bauernopfer auf der Anklagebank, wie ein Verteidiger gesagt hatte, sondern durch ihr menschliches Versagen die Schuldigen an der Katastrophe.
Damit weist Richter Fiedler Kritik an der Bahn zurück. Die besten Regeln würden nichts nutzen, wenn man sie nicht einhält, sagt er. Allerdings legt das Gericht den Verantwortlichen nahe, Kontrollen zu verschärfen, um vor allem der Routine zu begegnen.

Würdigung der Feuerwehrleute
Nicht gelten lassen die Richter Vorwürfe gegen den Fahrdienstleiter in Elsterwerda und gegen die Feuerwehrleute. Das Gericht hätte keine Anhaltspunkte, dass ein Umstellen der Weichen möglich gewesen wäre. Einsatz und Mut der freiwilligen Feuerwehrleute, die anderen Menschen helfen wollten, würdigt Stefan Fiedler ausdrücklich. Von einer „unverantwortlichen Eigengefährdung“ durch die bei der Bekämpfung des Brandes getöteten Männer könne keine Rede sein, stellt er klar.