Herr Erler, haben Sie Boris Nemzow persönlich gekannt?
Ja. Ich habe ihn schon in den 1990er-Jahren kennengelernt, als er noch ein Lederjacken tragender, junger Politiker und Gouverneur von Nishni-Nowgorod war. Nemzow war ein dynamisch wirkender, mutiger Liberaler, der darunter gelitten hat, dass die russische Reformpolitik der Jelzin-Ära nie wirklich populär geworden ist.

Nemzow war zuletzt einer der schärfsten Kritiker der Ukraine-Politik von Präsident Putin. Musste er deshalb sterben?
Darüber kann man nur spekulieren. Aber es gibt sicher einen Zusammenhang zwischen dieser Tragödie und dem gegenwärtigen politischen Klima in Russland, in dem alle Kritiker des Kurses von Putin als sogenannte National-Verräter gelten.

Die Liste der ermordeten Oppositionellen in Russland ist lang. Steckt da nicht doch ein perfider Plan des Kreml dahinter?
Dafür gibt es keine Beweise. Dass die innenpolitisch vergiftete Atmsphäre in Russland solchen Morden Vorschub leistet, ja, sogar eine gewisse Legitimation dafür liefert, lässt sich allerdings nicht bestreiten. Das Muster ist bekannt: Einige Zeit nach der Bluttat werden die unmittelbar beteiligten Täter bestraft, aber die Hintermänner werden nie gefunden. So war es auch nach der Erschießung der Journalistin Anna Politkowskaja im Jahr 2006.

Sie meinen, auch im Falle Nemzow wird das nicht anders sein?
Das ist zu befürchten. Wir haben in Russland gegenwärtig immer noch eine Art nationalen Rauschzustand, der mit der Einverleibung der Krim und dem Vorgehen Putins in der Ostukraine zu tun hat. Die Zustimmung für Putin ist mit über 80 Prozent weiter sehr hoch. Allerdings ist es für Putin unangenehm, dass die Ermordung Nemzows nun ein Schlaglicht auf die innenpolitische Situation Russlands wirft. Mit dem Ukraine-Konflikt konnte er bislang davon ablenken.

Ist es Putin nicht inzwischen egal, wie der Westen über ihn denkt? Die Ermordung Nemzows ereignete sich ja unmittelbar vor seinem Amtssitz, dem Kreml.
Unmittelbar nach dem Mord hat die russische Führung Kräfte dafür verantwortlich gemacht, die das Land destabilisieren wollen. Das heißt, Putin will ausdrücklich nicht diesen unheilvollen Zusammenhang zwischen der vergifteten innenpolitischen Atmosphäre und der Ausgrenzung von Oppositionellen bis hin zu ihrer Tötung stehen lassen.

Wie sollte der Westen jetzt reagieren?
Der Westen darf nicht bei der Forderung nach einer umfassenden Aufklärung und Bestrafung der Schuldigen stehen bleiben. Die EU und damit auch Deutschland müssen ihr Augenmerk künftig stärker auf die Lage der kritischen Zivilgesellschaft in Russland richten. Das heißt, der Blick darf nicht nur in die Ukraine gehen, oder auf die Krim. Nemzow war ja einer der ganz wenigen mutigen Politiker in seinem Land, der die Ukraine-Politik Putins für den wirtschaftlichen und politischen Niedergang Russlands verantwortlich gemacht hat.

Mit Gernot Erler

sprach Stefan Vetter