Die "Jerusalem-Armee" ist eine irakische Volksmiliz, rekrutiert aus den Mitgliedern der Baath-Partei und anderen Zivilisten, die zum Mitmachen überredet oder genötigt wurden.Die Parade in Tikrit (160 Kilometer nördlich von Bagdad), dem Geburtsort des irakischen Machthabers Saddam Hussein, galt am Samstag dem Jahrestag der "14. Ramadan-Revolution". Am 8. Februar 1963 hatte die heute im Irak allein herrschende Baath-Partei das Militärregime von Abdul Karim Kassem gestürzt. Damals konnte sich die Baath-Partei nur acht Monate an der Macht halten; erst durch einen weiteren Putsch sicherte sie sich 1968 die Macht endgültig.
In Tikrit waren zu Ehren dieses Staatsfeiertages mehrere zehntausend Soldaten der "Jerusalem-Armee" angetreten, um vor dem Saddam-Stellvertreter Izzad Ibrahim zu paradieren. Doch nicht jeder dieser Kämpfer wirkte wirklich martialisch. So mancher dicke Bauch, so mancher ergraute Kopf, so manches milchbubenhafte Gesicht mischten sich darunter. Halbschuhe überwogen die Militärstiefel zahlenmäßig deutlich. Die Uniformen aus einfachem Stoff waren fein herausgeputzt, Halstücher und andere Utensilien variierten. Noch deutlicher war der Reichtum an Variationen bei den 3000 Frauen, die an der Spitze marschierten und mit Ausnahme einer Hundertschaft unbewaffnet waren.
Denn die "Jerusalem-Armee" ist eine Volksmiliz, rekrutiert aus den Mitgliedern der Baath-Partei und anderen Zivilisten, die zum Mitmachen überredet oder genötigt wurden. Sie ist möglicherweise Saddams letztes Aufgebot für die drohende Endschlacht gegen die Todfeinde, die Amerikaner. Sieben Millionen Männer und Frauen zählt sie nach offiziellen Angaben, die aber, wie so vieles in dieser Weltgegend, übertrieben sein dürften.
Tatsächlich stellen sich viele die Frage, was Saddam der High-Tech-Supermacht USA im Kriegsfall entgegensetzen will. Die konventionelle irakische Armee wurde im Golfkrieg 1991 von den USA vernichtend geschlagen. Sie hat sich bis heute davon nicht erholt. Ihre Rüstung ist in erbärmlichem Zustand und konnte wegen des Embargos nicht modernisiert werden.
Saddam wird in letzter Zeit immer wieder im Staatsfernsehen gezeigt, wie er Truppenkommandeure, aber auch die Befehlshaber von Einheiten der "Jerusalem-Armee" und der "Saddam-Fedajin" (Saddam-Freiwillige) empfängt. Tenor seiner langen Reden und der ihnen folgenden Zeitungskommentare: "Jeder Iraker hat an dem Platz, an dem er steht, die Pflicht, das Land zu verteidigen."
Viele Äußerungen des irakischen Machthabers deuten auf eine Strategie des Häuserkampfes, vor allem in der Hauptstadt Bagdad. Jeder Angreifer werde "an den Mauern Bagdads scheitern", drohte Saddam im Januar. "Lasst Eure Gewehre im Hinterhalt auf sie warten." Diese Sprüche verfangen vielleicht bei denen, die noch loyal zum Regime stehen. "Wir fürchten uns nicht vor dem Krieg", meinte Chemie-Student Eisar Dscharale, der am Samstag die Parade in Tikrit von der Zuschauertribüne aus verfolgte. "Wir sind bereit, unser Wertvollstes, unser Blut, für dieses Land und für Saddam Hussein zu geben."
Die Chancen auf Erfolg eines Guerilla-Kampfes dürften indes gering sein. Experten und im Exil lebende Iraker bezweifeln, ob Saddam in der Bevölkerung und selbst unter den einfachen Baath-Mitgliedern noch den nötigen Rückhalt hat. Ohne Volk jedoch bleibt der Widerstandskampf der "Volksmilizen" eine Wunschvorstellung.