Goodluck Jonathans Versprechen wirken mittlerweile nur noch hilflos. Nach jedem neuen Anschlag der sunnitischen Terrormiliz Boko Haram verkündet der nigerianische Präsident lautstark, er werde die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen und die Islamisten aus dem Land vertreiben. Einzig ein Rezept zur Umsetzung scheint ihm zu fehlen.

Das Morden im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas geht unvermindert weiter - ja, es hat sogar seit Beginn dieses Jahres noch deutlich zugenommen. Opfer sind immer häufiger Jugendliche, deren einzige "Schuld" es ist, dass sie eine Schule besuchen.

"Es reicht nicht, dass die Regierung die fast täglichen Blutbäder verurteilt, sondern sie muss dringend Maßnahmen ergreifen, um die eskalierende Gewalt zu beenden", forderte der Gouverneur des Bundesstaates Yobe, Ibrahim Gaidam, vor wenigen Tagen wütend. Sonst werde die Bevölkerung gänzlich das Vertrauen in den Präsidenten und seine Leute verlieren.

Nur Stunden zuvor waren in einem Jungeninternat in der Region fast 50 Jugendliche durch eine Bombe getötet worden. Zwei Tage später starben im Bundesstaat Niger zehn Menschen, als sich zwei Frauen in einem Lehrer-Ausbildungszentrum in die Luft sprengten. Seit April werden zudem über 200 Mädchen vermisst, die aus einer Schule in dem Dorf Chibok verschleppt worden waren. Ob der Terroristenchef Abubakar Shekau seine Drohung wahrt gemacht hat, sie als Sklavinnen zu verkaufen, weiß derzeit niemand so genau.

Seit einiger Zeit sind Bildungsstätten eines der Hauptziele der Entführungen und Attentate geworden. Wissen könne man auch ohne formale Bildung erlangen, so das Credo der Gruppe, die 2002 von dem jungen, charismatischen Prediger Mohammed Yusuf zunächst als eine islamische Sekte gegründet worden war.

Kurz vor seinem Tod 2009 sagte Yusuf dem britischen Sender BBC: "Bedeutende Islam-Prediger haben verstanden, dass es in der westlichen Erziehung Dinge gibt, die unserem Glauben widersprechen." Seine Gruppe, die auch Darwins Evolutionstheorie ablehnt, akzeptiert deshalb lediglich Koranschulen, in denen die Jugendlichen Verse auswendig lernen und mehr schlecht als recht Arabisch lernen.

2009 wurde Yusuf von Sicherheitskräften getötet und von seinem Vize Abubakar Shekau ersetzt, der seither einen immer brutaleren Kampf gegen die Zentralregierung angezettelt hat. Tausende Nigerianer sind bereits Opfer blutiger Anschläge auf Polizeieinrichtungen, Kirchen, Schulen und Märkte geworden. Derzeit erobern die Islamisten zudem ganze Dörfer.

Beobachter befürchten, dass bald ganze Landesteile in die Hände der Boko Haram fallen könnten. Wenn die Regierung der Gruppe nicht den "totalen Krieg" erkläre, dann werde der Norden in absehbarer Zeit von den Islamisten überrannt werden, warnte zuletzt der Gouverneur des Bundesstaates Niger, Mu'azu Babangida Aliyu.

"Bei den Mitgliedern handelt es sich nicht mehr nur um Terroristen, sondern um Rebellen, die sich im Krieg mit unserem Land befinden und illegal Territorien an sich gerissen haben. Wir müssen sie vernichten", forderte Aliyu. Solch harte Worte möchte die Bevölkerung eigentlich von ihrem Präsidenten hören. Das Volk, das in weiten Landesteilen in bitterer Armut lebt, resigniert zunehmend. Im abgelegenen Norden, wo die Boko Haram ihren Gottesstaat einrichten will, fühlen sich die Menschen gänzlich im Stich gelassen.

Tatsächlich könnte es für Jonathan bei den nächsten Wahlen im Februar 2015 eng werden, denn große Erfolge hat der 56-Jährige, der seit April 2011 das Land regiert, nicht vorzuweisen. Stattdessen nehmen die Bürger ihr Schicksal immer häufiger selbst in die Hand - so geschehen in dieser Woche in dem Dorf Mahia in der Region Adamawa.

Dort gelang es Jägern, die Boko Haram - die den Ort Anfang der Woche eingenommen hatte - in einen Hinterhalt zu locken und zu vertreiben. Berichten zufolge wurden dabei 75 Islamisten getötet. An der dramatischen Gesamtlage in Nigeria ändert das allerdings kaum etwas.