Im Krimi agieren sie stets als gesichtslose Randfiguren: Männer und Frauen, die den Ort eines Verbrechens untersuchen, Spuren sichern, Fingerabdrücke nehmen. Im realen Polizei-Alltag dagegen sind die Kriminaltechniker weitaus mehr als nur die Handlanger findiger Ermittler. Werner Hampel ("schon seit Urzeiten bei der Polizei") ist einer von ihnen.
Vor acht Jahren bewarb er sich auf eine interne Ausschreibung hin als Kriminaltechniker. "Man wollte damals die Massenkriminalität hier in unserer Region eindämmen, hat deshalb die Bereiche Spurensicherung und Erkennungsdienst ausgebaut", erzählt er. Ihn selbst habe das Akribische, die Sorgfalt, die technische Finesse der Aufgabe gereizt, sagt Hampel.
Ein Jahr lang lernte er auf der Polizeischule Basdorf Theorie und Praxis der Kriminaltechnik, seit dem Abschluss bearbeitet der Angestellte in der Außenstelle Forst des Schutzbereiches Cottbus/Spree-Neiße die anstehenden Fälle.
Dienstbeginn für Werner Hampel, es ist sieben Uhr morgens. Der 55-Jährige schaut kurz auf der Wache vorbei, begrüßt die Kollegen, fragt, was so los war in der Nacht. Geht dann einen Stock höher, in einen Raum, der so klein ist, dass er den Namen Büro kaum verdient. "Macht nichts", sagt Hampel. Den größten Teil seiner Ausrüstung – Spurensicherungskoffer, Leiter, Kühlbox – hat er eh in seinem Dienst-Astra verstaut, für das Abnehmen von Fotos und Fingerabdrücken steht gleich nebenan ein kleines Labor zur Verfügung.
Pro Jahr 200 Einsätze
Das Telefon klingelt. "Handtaschenraub" melden die Kollegen, der Täter habe die Tasche kurze Zeit nach dem Raub in der Mühlenstraße fortgeworfen. Hampel rückt aus, fährt zu dem, was er "Ort der Ablegung" nennt. Findet die Handtasche, natürlich durchwühlt. Das Portmonee leer, Papiere und Karten verstreut.
"Als erstes", so erklärt der Fachmann, "muss ich nun nach Schuheindruckspuren schauen. Finde ich etwas, kann ich mit Gips einen Abdruck nehmen. Der wird später fotografiert und in unsere Dateien eingespeist. So können wir erkennen, ob dieser Täter vielleicht schon häufiger in Erscheinung getreten ist." Auf der Tasche versucht er gar nicht erst, mit Ruß- oder Eisenpulver, einem Pinsel aus Marabu-Federn und einer Spezialfolie Fingerabdrücke zu nehmen: Leder ist keine geeignete Oberfläche. Trotzdem wird die Tasche sorgsam untersucht – nach biologischen Spuren. Auch die Papiere, die auf dem Boden liegen, werden sorgfältig eingetütet. "Die schicken wir ins LKA. Die Kollegen dort können mit einem besonderen Verfahren Abdrücke sichtbar machen."
Eine gute Stunde bleibt Hampel vor Ort, dann fährt er zurück ins Büro. Die Rentnerin, Opfer des Raubes, wird sich am nächsten Tag bei ihm melden. Auch von ihr muss er alle Fingerabdrücke nehmen. Ob der Aufwand belohnt wird, ist ungewiss. Der Kriminaltechniker: "Ich habe pro Jahr ungefähr 200 Einsätze. Im Schnitt sind zehn Treffer dabei – Fälle also, in denen die Spuren uns eindeutig zu einem Täter führen."
Motivationsprobleme hat der erfahrene Mann dennoch nicht. "Wir sammeln viele kleine Puzzleteile, aus denen sich vielleicht einmal ein großes Gesamtbild ergibt. Und wenn einmal ein Täter identifiziert ist, können wir aufgrund der Spurenlage dann oft einen ganzen Rattenschwanz von Fällen damit klären. Das ist dann ein wirklich gutes Gefühl."
Nicht aufgeben, immer sorgfältig arbeiten – Hampel braucht unendlich viel Geduld für seine Arbeit. Mit großen Serien-Diebstählen hat er es manchmal zu tun. Muss über hundert Autos untersuchen, findet vielleicht nur in einem Bruchteil Fingerabdrücke oder Faserspuren. "Die Täter werden ja auch nicht dümmer", lacht er. Es hat sich rumgesprochen, dass sich Zigarettenkippen mittels DNA-Analyse mit fast hundertprozentiger Genauigkeit einem Raucher zuordnen lassen. "Jetzt nehmen Autodiebe eben einfach ihre vollen Aschenbecher mit, wenn sie einen geklauten Wagen irgendwo stehen lassen." Doch auch der klügste Ganove hinterlässt irgendwann Spuren. Ein Haar, dass an der Kopfstütze klebt. Kaum sichtbare Glaspartikel, die nach einem Einbruch in der Kleidung hängen bleiben – und sich später genau einer zerbrochenen Scheibe zuordnen lassen, Hautschuppen am Griff eines Werkzeugs.
"Das ist es, was diese Arbeit so spannend macht", sagt Hampel. "Jeder Tatort spricht seine eigene Sprache, jeder fordert zu neuen Denkansätzen heraus." Fast sportlicher Ehrgeiz scheint ihn zu packen, wenn er zu einem neuen Einsatz gerufen wird. "Ich muss mich in den Täter hineindenken, seinen Weg nachverfolgen. Wo ist er bei einem Einbruch eingestiegen, was hat er angefasst. Sind die Spuren stimmig? Oder versucht da vielleicht jemand, die Versicherung übers Ohr zu hauen?" Die Spuren, so seine Erfahrung, lügen jedenfalls nicht.
Zurück im Büro. Hampel sichtet das gesammelte Material, schickt es weiter an die zuständigen Stellen bei BKA und LKA, schreibt einen Spurensicherungsbericht. Und auch hier gilt wieder: akribisch, sorgsam, fehlerfrei. "Was sollen die denn sonst bei Gericht von mir denken", fragt er. "Wie sollen die denn meiner Arbeit vertrauen, wenn ich nicht mal so ein Stück Papier ordentlich ausfüllen kann?"
15.45 Uhr, Hampel packt zusammen, meldet sich auf der Wache ab und fährt heim. Die Kollegen in Cottbus sind zuständig, falls nachts oder am Wochenende etwas passiert in der Forster Gegend. Werner Hampel wird bis zum kommenden Morgen seine Ruhe haben – und vor allem nicht sprechen über seine Arbeit. "Das habe ich mir von vornherein abgewöhnt", sagt er. "Zu groß die Gefahr, dass ich ungewollt mal über Dinge rede, über die ich nicht reden darf."
Eine interessante Mischung
Morgen wird er wieder pünktlich in seinem Büro sein. Warten auf neue Fälle. Auf Täter, die er, wie er sagt, "erkennungsdienstlich erfassen" muss. Fingerabdrücke, Fotos, manchmal – auf richterliche Anordnung – auch DNA-Proben. Routiniert, nüchtern und gewohnt sorgfältig wird er auch das erledigen. "Das läuft ganz ruhig und sachlich ab", erzählt er, Theater habe bei ihm jedenfalls noch niemand gemacht.
Er mag sie, diese Mischung aus Berechenbarkeit und Spannung, aus Büro und Außendienst. So sehr, dass er sagt: "Meine Arbeit ist einfach prima. Hier werde ich noch lange arbeiten – wenn man mich lässt."