Herr Müller, ist jeder Experte, der für verlängerte Laufzeiten eintritt, ein Atomlobbyist?
Das ist sicher nicht so. Nur verwundert es schon, wenn man sieht, dass bisher abgeschaltete Atommeiler durchschnittlich etwa 25 Jahre am Netz waren, aber nach Angaben vieler so genannter Experten nun plötzlich Laufzeiten von bis zu 60 Jahren kein Problem sein sollen.

Der Chef der RWE-Ökostromsparte, Fritz Varenholt, hält eine Verlängerung der Laufzeiten schon aus Klimaschutzgründen für geboten. Was ist daran so falsch?
Dem widerspreche ich energisch. In der Klima-Enquetekommission des Bundestages, in der auch namhafte Atomwissenschaftler saßen, wurde dieses Thema über ein Jahr lang intensiv debattiert. Am Ende gab es ein einmütiges Votum, dass es nicht um den Austausch von Energieträgern geht, sondern um ein neues Versorgungssystem, das auf Einsparung und Effizienz beruht und Innovationen fördern muss.

Und was heißt das?
Die modernsten Atomkraftwerke haben einen Wirkungsgrad von gerade einmal 36 Prozent. Der große Rest ist nutzlos. Für eine moderne Energieversorgung ist das viel zu wenig.

Aber ihre geringe Schadstoff emission ist doch wohl unbestritten.
Richtig ist, dass Atommeiler deutlich weniger Treibhausgase verursachen als andere traditionelle Kraftwerke. Aber wenn man sich die gesamte Ökobilanz anschaut, dann verursacht zum Beispiel ein Biogaskraftwerk noch weniger Schadstoffe als ein AKW.

Nach dem Atomausstiegsgesetz soll der letzte deutsche Meiler in 13 Jahren vom Netz gehen. Können erneuerbare Energien die Lücke dann wirklich schon füllen?
Das ist sicher eine riesige Kraftanstrengung, aber sie ist machbar. Seit 1990 wurden zahlreiche Konzepte entwickelt, wie sich Klimaschutz und Atomausstieg verbinden lassen. Rechnet man alle Energiesparten zusammen, dann haben wir in Deutschland eine Kraftwerksleistung von insgesamt etwa 120 000 Megawatt. In der Spitze werden hierzulande aber nur 80 000 Megawatt benötigt.

Wie erklärt sich das?
Weil unser Stromsystem auf großen zentralen Kraftwerken basiert und riesige Reserven da sein müssen, falls ein oder gar mehrere Kraftwerke ausfallen. Deshalb haben wir diese stark überdimensionierte Erzeugungskapazität.

Was schlussfolgern Sie daraus?
Dass die Energieversorgung der Zukunft in dezentralen Strukturen liegen muss. Diese Strukturen brauchen viel weniger Kapazitäten, weil sie unterschiedliche Technologien bedarfsgerecht miteinander vernetzen können. Hinter dem Atomstreit steckt also die zentrale Frage, ob die Strukturen beibehalten oder verändert werden sollen. Das ist die eigentliche Auseinandersetzung.

Aber der Energiebedarf wächst. Da klingt ein Abbau von Kapazitäten absurd.
Nach allen Erfahrungen sind dezentrale Strukturen, also deutlich mehr regionale Erzeugerkapazitäten, wesentlich stabiler als zentrale Strukturen. Und wenn nur allein in jedem deutschen Haushalt die effizientesten technischen Haushaltsgeräte zum Einsatz kämen, dann wäre die Hälfte der deutschen Atomkraftwerke überflüssig.

Strom aus erneuerbaren Energien ist immer noch sehr teuer. Ist das kein Argument für die wesentlich preisgünstigere Atomkraft?
Diese Tatsache wird sich schon in ein paar Jahren ins Gegenteil verkehren. Alle Studien zeigen, dass die traditionellen Energieträger einschließlich der Atomkraft wesentlich teuerer werden. Auch Uran ist schließlich ein endlicher Rohstoff. Dagegen sinken die Preise für Sonnen- oder Windenergie deutlich ab. Durch ihre verstärkte Gewinnung sind sie in absehbarer Zeit auch ohne Subventionen konkurrenzfähig.

Mit MICHAEL MÜLLER
sprach Stefan Vetter