Herr Langguth, ein schneller Rücktritt von Annette Schavan – war sie damit klug beraten?
Ja, auf jeden Fall. Sie hat die richtige Konsequenz aus der Aberkennung ihres Doktortitels gezogen. Sie klagt ja nun gegen die Universität Düsseldorf. Als Bildungsministerin hätte sie das schlecht tun können.

Genau diese Begründung und nicht den Verlust des Doktortitels hat Schavan auch für ihren Amtsverzicht ins Feld geführt. Wie interpretieren Sie diese Aussage?
Ich interpretiere das so, dass sie mit dieser Begründung ganz klar gegen den Entzug ihres Doktortitels durch die Universität protestiert. Da klingt viel persönliche Verletztheit durch.

Was bedeutet der Rückzug von Schavan für die Bundeskanzlerin?
Eine gute Freundin verlässt das Kabinett. Das wird Angela Merkel sicher schmerzen. Es ist ein Schlag für sie. Der von Schavan selbst angebotene Rückzug war politisch allerdings das Beste, was Merkel in dieser Situation passieren konnte. Ein neuerliches Szenario nach dem Muster Norbert Röttgens, der als Umweltminister ja partout bleiben wollte und von Merkel förmlich aus dem Amt getragen werden musste, hätte der Regierung ein noch schlechteres Zeugnis ausgestellt.

Ist die Kanzlerin jetzt beschädigt?
Sie am wenigsten. Mit dem Plagiatsfall hat sie ja nichts zu tun. Und denken Sie an den Fall zu Guttenberg. Der war viel spektakulärer, hat Merkel aber auch nicht geschadet. Ihr Bundeskabinett insgesamt steht nicht allzu gut da. Schließlich handelt es sich nun schon um die fünfte Regierungsumbildung, die Merkel vornehmen musste. Acht Ministerien haben inzwischen neue Chefs. Im Endeffekt könnte sich das aber noch positiv für Schwarz-Gelb auswirken. Ein neues Gesicht, wie es nun mit Johanna Wanka ins Bildungsministerium einzieht, weckt bei vielen Menschen positive Erwartungen und bringt neuen Glanz ins Bundeskabinett.

Aber hat Merkel nicht der Instinkt für gute Personalentscheidungen verlassen, wenn man sich die Fülle der Rücktritte vor Augen hält?
Jeder Fall war anders gelagert. Der Fall Schavan war für Merkel am allerwenigsten vorhersehbar, zumal Schavan als wohl seriöseste Politikerin unter allen Kabinettsmitgliedern wahrgenommen wurde.

Wie bewerten Sie die Berufung von Johanna Wanka?
Das ist eine gute Wahl. Die Frau hat zweifellos Erfahrung mit Wissenschaft und Bildung. Als Naturwissenschaftlerin wird sie sich gut mit Merkel verstehen. Und sie ist eine gestandene Politikerin, noch dazu aus dem Osten. Obendrein hat Frau Wanka einen guten Leumund. Das sind Eigenschaften, die auch die Opposition nicht ignorieren kann. Politische Angriffe gegen ihre Person laufen da erst einmal ins Leere.

Annette Schavan will sich in Zukunft ganz auf ihr Bundestagsmandat konzentrieren. Könnte sie denn noch einmal auf die bundespolitische Bühne zurückkehren?
Ein Comeback ist möglich. Schon angesichts des guten Verhältnisses zwischen Merkel und ihr. Aber ich halte das trotzdem für sehr unwahrscheinlich. Wenn man erst einmal weg vom Fenster ist, dann ist man weg vom Fenster. Auch wenn Schavan Unrecht widerfahren sein mag, die Universität hätte es ja zum Beispiel bei einer Rüge belassen können, so wird doch immer etwas Negatives hängen bleiben. Das gilt selbst für den Fall, wenn Schavan den Doktortitel per Gerichtsentscheid zurückbekäme. Nach allen Erfahrungen mit der einschlägigen Rechtsprechung ist allerdings auch das sehr unwahrscheinlich.

Mit Gerd Langguth

sprach Stefan Vetter