Bevor ich etwas wegwerfe, tue ich damit noch ein mildtätiges Werk, indem ich einem mir unbekannten, möglicherweise bedürftigen Menschen helfe. Ich zahle damit auf eine Art Konto bei einer symbolischen Bank ein, die eines Tages zeigen soll, dass ich ein guter Mensch bin. Als Schenken würde ich das aber nicht bezeichnen, eher als Verschenken, also ohne eine Gegengabe zu erwarten.

Wie ist diese Kultur des Verschenkens entstanden?

In Europa kommunizierte man auf diese Weise mit Gott. Man schenkte Gott – also der Kirche – ein Zehntel der Ernte oder ein Zehntel vom Viehbestand, um ihn zu besänftigen oder um etwas zu erbitten. Verschenken funktioniert ähnlich: Ich gebe den Bedürftigen dieser Gesellschaft einen Teil ab von dem, was ich habe. Da steckt immer noch ein Hauch von Religiosität dahinter, deshalb ist das Bewusstsein für das Verschenken zu Weihnachten besonders groß. In christlich geprägten Kulturen und in manchen anderen Religionen gibt es neben der Nächstenliebe immer auch das Gebot der „Fernstenliebe“.

Woher lernt der Mensch heute, anderen etwas abzugeben?

Das wird weitergereicht – oder auch nicht. Kinder werden von ihren Eltern relativ früh eingenordet, dass man auch entsprechend seinen Mitteln etwas zurückgeben muss. Auch wenn es das hundertste gemalte Bild von einem Regenbogen ist. Anders als Verschenken muss Schenken etwas kosten, und zwar nicht unbedingt Geld, sondern Aufwand. Es kostet Lebenszeit. Was ich in dieses Geschenk an Lebenszeit packe, drückt aus, was der andere mir wert ist. Und Geld ist ja auch nur eine geronnene Form von Lebenszeit.

Mit Jo Reichertz

sprach Johannes Schmitt-Tegge