Adventszeit, Konsumzeit. Rechtzeitig vor Weihnachten sind die Ladenschlusszeiten bundesweit gelockert worden, der Einzelhandel hofft auf klingende Kassen. Der gelernte Bürokaufmann Maik Heßberg betrachtet das geschäftige Treiben aus der Ferne. "Man gehört nicht mehr dazu. Kann sich nichts leisten", sagt der Hartz IV-Empfänger aus Leipzig.
Der 30-Jährige verbringt einen Großteil der Vorweihnachtszeit in einer Kantine in der Bornaischen Straße. Im "Café des Herzens" findet er Geborgenheit und Wärme. "Wenn ich momentan durch den geschmückten Bahnhof laufe, macht mich der Überfluss schon etwas traurig", sagt der Arbeitslose. Seine Bemühungen um einen neuen Arbeitsplatz waren bislang vergeblich, seine Behinderung macht es ihm zusätzlich schwer.
"Manchmal möchte man resignieren und sagen, man will nicht mehr. Aber Aufgeben bringt auch nichts, ich will auf jeden Fall wieder arbeiten." Wie Heßberg kommen täglich rund 100 Menschen in das nur an den Wochenenden geöffnete "Café des Herzens", darunter Obdachlose, Sozialhilfeempfänger und ältere allein stehende Menschen. Seit Mittwoch bietet es nun wieder als "Restaurant des Herzens" einen Monat lang jeden Tag zwischen 16 und 19 Uhr Bedürftigen eine warme Mahlzeit.
Wer die ehemalige Kantine in Connewitz betrete, der wisse, dass er unten angekommen ist, sagt Objektleiterin Sabine Glinkowski. "Mich stimmen vor allem die vielen Kinder, die mit ihren Eltern zu uns kommen, immer sehr nachdenklich." Wachse ein Kind in einer solchen Familie auf, stünden seine Chancen von Anfang an schlecht. "Wo wir hineingeboren werden, ist in vielen Fällen ausschlaggebend dafür, wo es später einmal hingehen wird", glaubt auch Susanne Schlichting vom Verein Spendenparlament Leipzig. Für arme Kinder sei die Weihnachtszeit daher besonders schlimm. "In der Schule hören sie schließlich immer nur, was man alles unbedingt braucht, um dazu zu gehören", sagt die ehemalige Präsidentin des Leipziger Verwaltungsgerichts.
Bereits jedes siebente Kind in Deutschland lebt von Sozialhilfe. "Rund zwei Millionen Kinder müssen täglich mit 2,70 Euro für Lebensmittel auskommen", erläutert Gerda Holz vom Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Die Ursache für Armut sieht die Wissenschaftlerin vor allem im fehlenden Einkommen der Eltern. "Spätestens nach einem Jahr Arbeitslosigkeit geraten viele in finanzielle Engpässe."
Dabei solle die staatliche Unterstützung Hilfe zur Selbsthilfe sein, sagt Susanne Schlichting. Vielen Menschen falle es aber zunehmend schwerer, sich selbst aus ihrer Lage zu befreien. "Arbeitslosigkeit bedeutet für die meisten auch einen Verlust ihres Selbstwertgefühls", erklärt die Juristin.
Der Verein verteilt jährlich zwischen 10 000 und 15 000 Euro, die Spendenbereitschaft sei aber rückläufig. "Wir müssen hinschauen und das nicht nur zu Weihnachten", fordert Schlichting. "Wir alle werden deswegen nicht in Armut fallen, wenn wir ein wenig abgeben."